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Abed Shokry: Bericht aus Gaza

Sehr geehrte Damen und Herren,

Im Anhang finden Sie eine Aktuelle Meldung zur Lage in Gaza-Stadt. Das was Sie lesen, ist vom Kopf in den Rechner… Ungefiltert, unsortiert, ich meine "Durcheinander" und umkommentiert, was mir durch den Kopf ging, habe ich niedergeschrieben… Das sind meine eigenen Gedanken, die ich  Ihnen nun mitteile.
Eben bebte das ganze Haus wieder…
Beten Sie fuer uns.
Mit traurigen Gruessen
Dr. Abed Schokry

Gaza am 15.11.2012 um 10:30 (lokale Zeit)

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen Liebe Freunde,

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Ich werde Ihnen aber das schreiben was mir durch den Kopf gerade geht. Ungefiltert und unkommentiert…..

Uns geht es nicht gut unter den herrschenden Umständen in Gaza-Stadt.  Flugzeuge bedecken den Himmel über den Gazastreifen. Raketen kommen aus der Luft, aus dem Meer sowie aus den Panzern um den Gazastreifen herum. Aus Gaza werden auch Raketen abgefeuert. Es gibt viele Tote und Verletzte auf beiden Seiten (mehrheitlich Zivilisten). Ich will nicht in diesen Kreis hineingeraten, wer hat wann begonnen? Bzw. Wie viele wurden auf der jeweils anderen Seite getötet. Das Aufrechnen bei Kriegen geht niemals auf.

Ich verwende den Begriff "Krieg", da ich nicht sonst weiß, was ich stattdessen verwenden soll.

Es ist das Paradox, dass wir Menschen nicht bereit sind, aus Fehlern Anderer zu lernen. Was aber wenn, wir die, die nicht aus ihren eigenen Fehlern gelernt haben.

Was hat Krieg je uns Menschen weltweit gebracht? Was kommt nun? Wie lange wird es dauern? Und Wie viele unschuldige Menschen werden noch getötet, bevor der UNO-Sicherheitsrat eine Entscheidung zum sofortigen Stopp der Angriffe herausgibt. Die Arabische Liga ist mit sich selbst beschäftigt… oder mit Syrien… Oder…. Oder….

Was ist aber mit den anderen Ländern der Welt? Europa, Russland, China, Indien….

Während ich diese Zeilen schreibe dauern die Angriffe noch an und das Haus bebt…. Gestern Nacht habe ich nicht geschlafen und nicht schlafen können… Das lag an den Angriffen und an das Schreien unserer Kindern. Es ist verrückt, die  andere Seite redet immer davon, das Recht zu haben, alles zu tun um die Bevölkerung zu beschützen. Meine Frage ist, Haben wir nicht das gleiche Recht, dass wir auch beschützt werden müssen. Sind wir denn nicht auch  Menschen, die das Recht auch haben müssen, ein HALBWEGS normales Leben zu führen. Ich will in Ruhe und in Frieden leben, wie jeder anderer Mensch auf dieser Welt. Mehr will ich nicht. Meine und unsere Kinder haben das Recht und wir haben die Pflicht, alles zu tun um sie zu beschützen und um ihnen HALBWEGS normales Leben zu ermöglichen. Ist das viel verlangt!!!

Was geschieht danach? Wenn man die Meldungen aus den israelischen Medien aus den letzten Tagen verfolgt hat, wird es einem klar sein, dass die Raketen aus Gaza niemals gestoppt werden können… So stand es in den israelischen Medien… Die Frage ist daher nun, wozu dieser Krieg jetzt?

Eben zwei Luftangriffe, wodurch der Kopf meiner Tochter gegen den Boden schlug, so stark bebte das Haus eben…

Ich weiß nicht, ob Sie und Ihr etwas für uns tun können bzw. könnt. ABER AUFSTEHEN und sagen Nein zum Krieg gegen den Gazastreifen, ist das Mindeste, was ich von Ihnen und Euch erwarte und verlange. Das tun Sie auch nicht nur für uns, sondern auch für die Bevölkerung neben an.  Seien Sie mutig und teilen Sie ihren Regierungen deutlich mit, es sind genug Menschen gestorben und dass dieser Krieg sofort gestoppt werden muss.  Es wäre eine Katastrophe für alle, falls dieser Krieg noch länger andauern sollte. Nun wissen Sie es und Bitte sagen Sie nicht, "WIR HABEN ES NICHT GEWUSST!!!  

Am Ende hoffe ich und ich bete auch, dass dieser Krieg sofort beendet werden muss, damit das weitere Blutvergießen aufhört.

In der Hoffnung, dass wir diesen Krieg überleben verbleibe ich
Mit solidarischen und traurigen Grüßen aus Gaza Stadt.

Dr. Abed

Gaza am 16 Nov. 2012 Um 9:00 Uhr morgens

Der Himmel über Gaza ist heute morgen mit Rauchwolken bedeckt. Die Nacht war sehr lang und die israelischen Angriffe aus allen Richtungen dauerten die ganze Nacht auch. Es geht leider noch weiter. Die Meldungen aus der Welt sind unterschiedlich gefallen. Manche verurteilen die Angriffe, andere heißen sie gut und weitere sind dagegen. Die Russen als Beispiel reden von der Unverhältnismäßigkeit der eingesetzten Waffenarsenale seitens Israel. Mir ließ der folgende Gedanke die ganze Nacht keine Ruhe, Wie wäre es mit MEHR FRIEDEN WAGEN, Wie wäre es mit PERSPEKTIVE ZEIGEN……

Jeder Staat auf der Welt hat die Pflicht, seine Bevölkerung zu beschützen und er muss alles in seiner Macht tun, um das zu erreichen. Dies gilt sowohl für uns als auch für sie. Eine Tatsache muss noch aber klar sein, WER ist der BESATZER und wer sind die Besetzten? Das darf nicht und niemals vergessen werden.

Wenn der Staat Israel seine militärische Kräfte und Stärke messen möchte, solle er bitte einen halbwegs genauso starken Gegner aussuchen. Wir haben weder F16 Flugzeuge, noch Marine-Schiffe.

Heute soll der ägyptische Regierungschef mit einigen Ministern den Gazastreifen besuchen. Was kommt danach, steht in den Sternen. Er war da und während seines sehr kurzen Besuch schlugen auch Raketen.

Die gezielte Ermordung von Herrn Ahmad Aljaabary durch einen Raketenangriff wird die Hamas in Gaza schwächen, so denken die Israelis. Und als hätten sie nichts davon gelernt, als sie früher viele palästinensischen Führer gezielt ermordet haben. Hat das Hamas in irgendeiner Weise geschwächt, Nein, das ist eine Tatsache. Das Töten von Menschen kann niemals gerechtfertigt werden. Das ist meine persönliche Meinung und es mag ja sein, dass Sie anders denken als ich, das ist sogar normal.

ABER die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz Deutschlands.  Solange es Besatzung gibt, so wird es Widerstand geben und dieses kann niemals gestoppt werden. Wenn aber die Besatzung ein für alle Male beendet wird, und wir in Ruhe, Freiheit, Frieden und Würde leben, dann und erst dann kann man und wird man herausfinden können ob nun Frieden sich lohnt oder nicht.  Der Gazastreifen ist nun seit über fünf Jahren immer noch belagert…. Das darf auch nicht vergessen werden. Raketen hin und Raketen her, was kommt dann? Muss nicht das normale Leben  trotzdem eines Tages weitergehen!

Ein anderer Gedanke ist es, die Wahlen in Israel am 22.01.2013, müssen wir (die Bevölkerung des Gazastreifens) immer für die israelischen Wahlen den Preis bezahlen. Können sie denn ihre Wahlen, nicht einmal ohne unser Blut durchführen. Oder bringt unser Blut Wählerstimmen. Wenn dem so ist, dann wissen Sie nun, wer ist Blutsüchtig.

Das Haus bebt eben wieder und immer wieder, während ich Ihnen diese Zeilen schreibe. Ich fühle mich dementsprechend hilflos und machtlos, da ich meine Kinder nicht beschützen kann bzw. nichts für ihren Schutz beitragen kann. Denn kein Platz ist in dem Gazastreifen vor den israelischen Luftangriffen geschützt. Die wenigsten Häuser haben Schutzräume und so sind alle Fensterscheiben geöffnet bzw. abmontiert, damit sie durch die Luftangriffe nicht zerbrechen und wir dann die Scherben fegen und sammeln sollen. Dieses Gefühl ist schon lähmend… (Eben um 15:13 Uhr, Gaza-Zeit noch ein Luftangriff, das beängstigt uns sehr).

Immer wieder der Gedanke, was wird dann am Tag danach passieren? Haben sich die Kriegsmacher diese Frage gestellt? Ich weiß nun nicht, wie sich die Gesamtlage entwickeln wird. Wir erleben immer wieder Überraschungen…

Wenn wir noch am Leben sein sollten, so kann und werde ich Ihnen davon berichten.

Jetzt höre ich die Sirenen der Rettungsfahrzeuge bzw. der Feuerwehr. Bitte tun Sie etwas für einen "halbwegs" gerechten Frieden im Nahen Osten.

Mit traurigen Grüßen

Dr. Abed


Dr. (Ing. der Medizintechnik) Abed Schokry war im Juli Gast in der Arbeitsstelle Internationale Begegnungsarbeit ISRAEL/PA und hielt einen Vortrag im PFL in Oldenburg. Er studierte an der Humbold-Universität in Berlin und erhielt 2007 einen Ruf an die Uni Gaza. Mit seiner Frau und den in Deutschland geborenen Kindern ging er zurück in seine Heimat. Trotz Stromabschaltung in Gaza konnte ich gestern abend mit ihm telefonieren. Er sendet mir den folgenden Bericht mit Bitte um Weitergabe.

Quelle:

Arbeitsstelle Internationale Begegnungen ISRAEL/PA
der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg
Christian Heubach (Diakon)
Markt 17   26122 Oldenburg    Telefon (04 41) 9 99 19 80
heubach@lambertikirche-oldenburg.de


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