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Anneliese Fikentscher, Andreas Neumann: „Das machen wir selbst!“

40. Jahrestag des Olympia-Attentats 1972 in München

„Das machen wir selbst“

Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

40 Jahre ist es her, was damals die Welt in Atem hielt. Am 5. September 1972 fand statt, was bis heute als palästinensischer Terror gilt, als Geiselnahme, Attentat oder Massaker des „Schwarzen September“ überliefert ist, den Tod von 11 israelischen, an der Olympiade in München teilnehmenden Sportlern zur Folge hatte und einen Frieden für Palästina in weite Ferne rücken ließ.

Titelseite der Bildzeitung vom 6.9.1972

 

Es sei der Schweizer Bankier Francois Genoud, Freund des CIA-Agenten und BKA- und Interpol-Präsidenten Paul Dickopf, gewesen, der führend mit Finanzoperationen von berüchtigten Terrororganisationen wie dem Schwarzen September befasst war. Es sei Francois Genoud gewesen, der den Schwarzen September – verantwortlich für das Olympiaattentat 1972 in München – gefördert hat. Das vermittelt uns ein 2007 bei Knaur erschienenes Buch von Gerhard Wisnewski mit dem Titel „Verschlußsache Terror“. Und auch im Focus vom 12.2.1996 lesen wir über den „Bankier des Schreckens“ namens Genoud und seine „Verwicklungen in die palästinensische Terrorszene“. Doch was ist mehr über Paul Dickopf und Francois Genoud in Erfahrung zu bringen?

Paul Dickopf

Der BKA- und Interpol-Präsident Paul Dickopf (1910-1973) ist eine gewichtige Person im Geflecht der Macht, die vorwiegend in Deutschland agiert. Aus Veröffentlichungen des ehemaligen BKA-Beamten Dieter Schenk wissen wir: Der im Dritten Reich für SS, Gestapo und SD tätige Dickopf wird CIA-Agent und baut in den 50er Jahren das Bundeskriminalamt auf – unter Einbeziehung seiner Vorstellungen aus der NS-Zeit – und macht es dabei „zur Versorgungsanstalt für alte Nazis und Verbrecher“. Dickopf ist befreundet mit Wadi Haddad, dem „Paten aller europäischen Terroristen“ (wie Stephan Aust den Führer der Volksfront für die Befreiung Palästinas nennt) und mit Francois Genoud, dem Finanzier des internationalen Terrorismus. Der Nazi Dickopf, der ab 1943 in der Schweiz operiert hat, kehrt 1947 als Agent der US-Geheimdienste nach Deutschland zurück. Dieter Schenk: „Es […] hat was von einem Schurkenstück, dass die verbrecherische CIA ihren Mann [Paul Dickopf] an einflussreicher Stelle im Bundeskriminalamt platzieren und später auch innerhalb der Interpol-Organisation unterbringen konnte.“

Francois Genoud

Die zweite erwähnte zentrale Figur im Geflecht der Macht, der mit dem CIA-Agenten Paul Dickopf eng verbundene Schweizer Bankier Francois Genoud (1915-1996) – bis zu seinem Tod Hitler-Verehrer – arbeitet in der NS-Zeit für den deutschen Geheimdienst. Gegen Ende des Krieges ist er zusammen mit Paul Dickopf beim Beiseiteschaffen des Nazivermögens behilflich. Als Förderer des internationalen Terrors, insbesondere von Organisationen wie die „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ und „Schwarzer September“, ist er befreundet mit Waddi Haddad, einem der führenden Köpfe der Volksfront und mit Ali Hassan Salameh, dem so genannten Roten Prinzen, einem der Anführer des „Schwarzen September". Bei Francois Genoud handelt es sich um einen Mann – so erfahren wir von Karl Laske in seiner Genoud-Biografie – der „in der Schweiz stets in Übereinstimmung mit den Nachrichtendiensten gehandelt hat“.

Der 5. September 1972

Das führt zu der brisanten Frage, welche Rolle der Schweizer Nazi-Bankier Genoud, das Bundeskriminalamt, Interpol, die CIA und möglicherweise andere dahinter stehende Geheimdienste in Zusammenhang mit dem „Schwarzen September" und dem Olympia-Attentat von 1972 gespielt haben.

Andreas von Bülow, ehemaliger Bundesminister und Mitglied der parlamentarischen Kontrollkommission für die Nachrichtendienste, befasst sich in seinem Buch "Im Namen des Staates" mit diesem Themenkomplex. Dort ist zu lesen: „Von der Entstehungsgeschichte her spricht vieles dafür, den Schwarzen September als Kind der Geheimdienste anzusehen. […] Es steht insgesamt zu vermuten, dass auch das Attentat auf die israelischen Sportler im Olympiazentrum in München [am 5. September 1972] geheimdienstgesteuert gewesen sein muss. Bei keiner anderen Gelegenheit hätte einer in die Hunderte von Millionen gehenden Fernseh-Zuschauergemeinde in aller Welt live dargestellt werden können, dass mit den Verantwortlichen eines Volkes, die friedliche Sportler bei Olympischen Spielen überfallen und kaltblütig ermorden, ein Friede nicht zustande kommen kann. Außerdem war sicher von Vorteil, der israelischen Nation, den angstgeplagten Überlebenden des Holocaust, die Fortdauer ihrer Gefährdung durch die auf deutschem Boden in die Fußstapfen des nationalsozialistischen Deutschland tretenden arabischen Terroristen des 'Schwarzen September' eindringlich vor Augen zu führen.“ […] „Bei Interpol [dessen Präsident von 1968 bis zum 19. September 1972 der Genoud-Freund Paul Dickopf ist] ist [bei der Interpol-Jahreshauptversammlung am 19. September 1972 in Frankfurt] zwei Wochen nach dem brutalen Überfall auf die von israelischen Sicherheitsbeamten just zur Tatzeit unbewacht gelassenen Athleten der internationale Terrorismus kein Thema.“

Textausschnitt aus der Illustrierten stern vom 17.9.1972

 

In der Illustrierten stern vom 17.9.1972 heißt es auf Seite 35A: „Kein einziger Polizist aber stand vor dem Quartier der israelischen Olympiamannschaft, obwohl [der Münchner Polizeipräsident Dr. Manfred] Schreiber später zugab, dass auch nach seiner Ansicht die Israelis 'zu der Gruppe gehörten, die am meisten gefährdet waren'. Schreibers Begründung für den fehlenden Schutz: 'Die israelische Seite hatte unser Angebot abgelehnt.' Pro Israeli hatte man einen deutschen Sicherheitsbeamten abstellen wollen. Doch die Israelis winkten ab: 'Lassen Sie, das machen wir selbst'.“

Das erinnert an den Terroranschlag vom 11. März 1978 auf der Küstenstraße von Tel Aviv, das so genannte Küstenstraßen-Massaker, als zwei Tage zuvor die Alarmbereitschaft an den Küsten des Landes aufgehoben und so die Landung von „palästinensischen Terroristen“ mit zwei Schlauchbooten ermöglicht worden sein soll.

Thomas Falkner thematisiert die Vorgänge in seinem 1989 in der DDR erschienenen Buch „Terrorismusreport. Rom, Stockholm, Beirut und andere Schauplätze“ wie folgt: „Das vermeintliche Anliegen der Geiselnahme, »das israelische Militärregime zu mehr Humanität gegenüber dem palästinensischen Volk zu zwingen«, erschien den Menschen in vielen Teilen der Welt angesichts der Inhumanität der Attentäter nicht zu Unrecht als zweifelhaft. Am Vormittag begannen Verhandlungen des Krisenstabs mit den Geiselnehmern. Die Mehrheit der Offiziellen neigte dazu, den Forderungen nachzukommen. Als jedoch gegen Mittag der israelische Sicherheitschef Zamir mit klarer Weisung aus Tel Aviv in München eintrifft, sich auf keine Zugeständnisse einzulassen, rückt eine Kompromisslösung immer mehr in die Ferne. Gewalt mit Gewalt beantworten, dahin geht der Trend. Ob er auch ein Blutbad mit weiteren Opfern aus der israelischen Mannschaft einkalkuliert habe, wird Zamir gefragt. »Das nehmen wir in Kauf«, lautet die Antwort.“

Karl Laske schreibt in seiner Biographie über Francois Genoud (der „in der Schweiz stets in Übereinstimmung mit den Nachrichtendiensten gehandelt hat“): „Ende 1971 taucht eine neue palästinensische Untergrundorganisation auf. Ihr Name lautet Schwarzer September, zu Ehren der im September 1970 in Jordanien gefallenen Palästinenser. […] Man weiß heute, dass […] sein oberster Anführer Salah Chalef alias Abu Jihad war. […] Am 5. September 1972 umstellt ein achtköpfiges Fedajin-Kommando das Quartier der israelischen Athleten, die an den Olympischen Spielen von München teilnehmen. Die Geiselnahme selbst fordert zwei Tote und endet am folgenden Tag in einem Massaker. Elf Israelis finden den Tod, fünf Palästinenser kommen bei der Erstürmung ums Leben. Der Schwarze September erlebt in München sein blutigstes Fiasko, das […] die Verachtung der ganzen Welt sowie massive israelische Angriffe im Süd-Libanon [auslöst]. […] Ali Hassan Salameh […] wird mit Gründung des Schwarzen Septembers zu einem seiner Anführer. Hassan Salameh alias Abu Hassan wird damit beauftragt, sämtliche Finanzoperationen in der Schweiz zu zentralisieren. Wie Vittorio Lojacono in seinem Buch 'I dossier di settembro nero' erklärt, muß Salameh hierfür 'seine Kenntnisse der Genfer Bankwelt und insbesondere seine Freundschaft zu Francois Genoud' nutzen. […] Wir wissen heute, daß Abu Hassan mit Unterstützung seines Freundes Francois Genoud verschiedene laufende Konten bei der Banque commerciale arabe in Genf eröffnet hat. Es handelte sich dabei um die Gelder des Schwarzen September. […] In [der] Amtszeit [von Paul Dickopf] hat Interpol rein gar nichts gegen den Terrorismus unternommen. […] Die Nicht-Intervention erreicht ihren Höhepunkt nach dem Münchener Attentat: […] das Verbrechen von München sei 'politisch', und Interpol solle sich da nicht einmischen.“ (aus: Ein Leben zwischen Hitler und Carlos: Francois Genoud)

Wem es nützt

Es ist sicherlich interessant zu betrachten, welche ('Re')Aktionen mit diesem Attentat legitimiert wurden, um damit der Beantwortung der Frage näher zu kommen: Wem nützt es? „Das Olympia-Attentat sowie die Reaktion Israels [waren] ein entscheidender Moment in der Geschichte des Nahen Ostens“, deutet Steven Spielberg in Zusammenhang mit seinem Film „München“ an, der die 'Rache' Israels – „Die Rache Gottes“ – thematisiert und 2005 in die Kinos kam.

Oliver Schröm – vom stern, für den er schreibt, als Terrorismus- und Geheimdienstexperte tituliert – befasst sich mit dem Spielberg-Film. Obwohl Schröm ein Autor ist, der immer wieder als Teil des Propaganda-Apparats auffällt, macht er (unfreiwillig) einiges deutlich: „Unter dem Codenamen 'Die Rache Gottes' jagte und ermordete der Mossad die Hintermänner des Attentates. […] Ermächtigt durch den Beschluss von [Israels Premierministerin] Golda Meir schlug der israelische Geheimdienst umgehend zurück. Zuerst ermordete ein Killerkommando des Mossad den Leiter des Schwarzen September, Mohammed Yussuf Najjar. Er lag gerade nackt in den Armen seiner Frau, die ebenfalls erschossen wurde. In der gleichen Nacht bombardierten israelische Hubschrauber noch das Hauptquartier der PFLP und zwei Waffenlager der Al Fatah am Rande von Beirut. Am nächsten Tag zog Golda Meir in der Knesset, dem israelischen Parlament, Bilanz: 'Es war wunderbar, wir haben die Mörder getötet, die schon neue Attentate planten.' Danach ging es Zug um Zug. Mitglieder des Schwarzen September waren nirgendwo mehr sicher. Der Mossad stöberte sie auch in Paris und Rom auf und liquidierte sie…“ Es wird klar: Die staatsterroristische Praxis des so genannten gezielten Tötens wird der Öffentlichkeit in einem Maße als adäquates Mittel eingepflanzt, wie es extremer kaum denkbar ist.

Karl Laske geht mit knappen Worten auf eine andere Ebene der „Reaktion“ ein: „massive israelische Angriffe im Süd-Libanon“ seien ausgelöst worden. Der ehemalige Mossad-Agent Victor Ostrovsky schildert in „Der Mossad“ ausführlicher, wie Israel drei Tage später „reagierte“: „…mit dem Befehl an 75 Bomber, Guerillastellungen – so behauptete man – in Syrien und Libanon zu bombardieren. Es waren die schwersten Luftangriffe seit 1967, und sie forderten 66 Tote und unzählige Verwundete. Israelische Flugzeuge schossen über den Golan-Höhen sogar drei syrische Flugzeuge ab, während Syrien zwei israelische Jets eliminierte. Israel schickte Bodentruppen in den Libanon, um gegen die palästinensischen Terroristen zu kämpfen, die Straßen in Israel vermint hatten, und Truppen der syrischen Armee wurden an den Grenzen zum Libanon zusammengezogen, um auf eine kriegerische Auseinandersetzung vorbereitet zu sein.“

Die wohl wichtigste Ebene dessen, was mit dem Attentat erreicht wurde, benennt Andreas von Bülow (wie schon oben zitiert): „Bei keiner anderen Gelegenheit hätte einer in die Hunderte von Millionen gehenden Fernseh-Zuschauergemeinde in aller Welt live dargestellt werden können, dass mit den Verantwortlichen eines Volkes, die friedliche Sportler bei Olympischen Spielen überfallen und kaltblütig ermorden, ein Friede nicht zustande kommen kann.“ Mit anderen Worten: Die in Israel herrschenden Kräfte sind dem Ziel, den Frieden zu verunmöglichen, ein entscheidendes Stück näher gekommen.

Das Olympia-Attentat vom 5. September erinnert an den 11. September. Der Satz von Golda Meir „Es war wunderbar, wir haben die Mörder getötet, die schon neue Attentate planten.“ erinnert an die Hetzreden von George W. Bush zur Rechtfertigung des verbrecherischen „Kriegs gegen den Terror“, der allein im Irak von 2003 bis heute 1,5 Millionen Tote gefordert hat. Staatliche Verbrechen konnten in der Folge als Racheakt deklariert werden. Der Frieden bzw. der so genannte Friedensprozess wurden sabotiert.

Quellen:

Andreas von Bülow
Im Namen des Staates
CIA, BND und die kriminellen Machenschaften der Geheimdienste
Piper, München, 1998

Gerhard Wisnewski
Verschlußsache Terror
Wer die Welt mit Angst regiert
Knaur, München 2007

Thomas Falkner
Terrorismus-Report
Rom, Stockholm, Beirut und andere Schauplätze
Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin (DDR), 1988

Dieter Schenk
Auf dem rechten Auge blind
Die braunen Wurzeln des BKA
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001

Karl Laske
Ein Leben zwischen Hitler und Carlos
Francois Genoud
Limmat Verlag, Zürich, 1996

Helmut Spehl
Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative – Deutschland, Israel und die Palästinenser
Band 2: Materialien und Korrespondenzen
Freiburg 1979

Victor Ostrovsky
Der Mossad
Ein Ex-Agent enthüllt Aktionen und Methoden des israelischen Geheimdienstes
Goldmann, München, 2000
(englische Originalausgabe: 1990)

Dieter Schenk: Kameraden im Dienst
Jungle World, 14.12.2005
http://www.jungle-world.com/seiten/2005/50/6849.php

Oliver Schröm: Steven-Spielberg-Film "München" – Die Geschichte hinter der Geschichte
Stern.de, 26.1.2006
http://www.stern.de/politik/historie/554348.html?nv=cb

IPPNW-Pressemitteilung vom 18.5.2012:
Body Count – Opferzahlen nach 10 Jahren "Krieg gegen den Terror"
http://www.ippnw.de/startseite/artikel/a8966af902/body-count-opferzahlen-nach-10-ja.html

IPPNW-Studie 2012:
Body Count – Opferzahlen nach 10 Jahren „Krieg gegen den Terror“ – Irak Afghanistan Pakistan
http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/Body_Count_2012.05.pdf
 

QUELLE: NRhZ
 

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