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Bassam Nasser: Wie wird jemand zum Terroristen?

Bassam Nasser ist Palästinenser. Er arbeitet für eine internationale Nichtregierungsorganisation und lebt mit seiner Familie in Gaza. Diesen Text hat er dort während der Bombardierungen geschrieben. Es ist die Sichtweise eines wütenden Bürgers aus Gaza.
(Anmerkung: Es handelt sich um hier die Meinung des Autors, nicht um die Sichtweise der Redaktion.)

Bassam Nasser

"Seit 5 Tagen lebt Gaza unter dem Dauerbeschuss der israelischen Armee. Dieser neue Feldzug begann mit der Ermordung eines hochrangigen Hamas-Kommandeurs und der Bombardierung mehrerer Regierungsgebäude der Hamas. Die Militäraktion hätte damit enden können, wenn die Palästinenser nicht als Reaktion darauf Raketen auf israelische Ziele abgeschossen hätten. Viele behaupten, die Palästinenser seien verantwortlich für die Eskalation – weil sie auf die Ermordung reagiert haben! Deshalb sollten die Palästinenser sich die Formel hinter die Ohren schreiben, die für Israel und einige Verbündete gilt, nämlich "Gute Palästinenser sind tote Palästinenser und Palästinenser sollten friedlich sterben, ohne zornig zu werden oder den Tod abzulehnen!"

Seit dem Beginn der Militäraktion fasste Israel die Angriffe auf von Zivilisten bewohnte Häuser unter der Generalanschuldigung zusammen, bei all diesen Häusern handele es sich um "Gebäude von Hamas-Terroristen". Die Luftangriffe träfen Gebäude "mit allen Bewohnern, einschließlich Frauen und Kindern". Und da die Palästinenser nicht wohlhabendgenug sind, und der Gazastreifen die höchste Bevölkerungsdichte weltweit hat, teilen sich viele Familien ein Haus oder mitunter sogar eine Wohnung. Mit dem Ergebnis, dass ein Junge oder ein Mädchen möglicherweise in dem selben Gebäude wie sein Onkel wohnt, der ein Hamas-Aktivist ist. Für die Mehrheit der Einwohner von Gaza sind diese Aktivisten Nachbarn oder Familienmitglieder. Die israelische Vorstellung von einem guten Palästinenser setzt also voraus, dass man die Mitglieder seiner Familie und seine Verwandtschaft genau untersucht, und auch seine Nachbarn.

Gestern verließ einer meiner Freunde, der im Flüchtlingslager Shatti lebt, zusammen mit Verwandten und Nachbarn sein Haus, als sie von einem Schiff der israelischen Flotte beschossen wurden. Dabei wurden zwei Menschen getötet und mein Freund ernsthaft verletzt. Wenn seine Wunden verheilt sein werden, werde ich ihm ironischerweise die Schuld an seiner Verletzung geben, indem ich ihm die übliche Frage stelle: "Warum hast du dich dort aufgehalten?", in der Annahme, dass er in einer Schutzeinrichtung Zuflucht suchen könne, obwohl es in Gaza eine solche Einrichtung nirgendwo gibt, und dass er seine Kinder nehmen könne, um sich in sicheres Gebiet zu begeben oder gar das Land zu verlassen. Dann wird mein Freund hoffnungsvoll lächeln und zu mir sagen: "Warum gibst du dir diese Ratschläge nicht selber? Mein Freund, wir sind in Gaza."

Beim Lesen von israelischen Medien stellten wir fest, dass heulende Sirenen bei Israelis ein Trauma verursachen. Das ist auch in anderen Gesellschaften normal. Nicht normal ist, dass es in Gaza noch nicht mal Sirenen oder Schutzeinrichtungen gibt. In Israel raten Psychologen Familien, ihre Kinder zu umarmen und ihnen zu sagen: "Das geht vorüber! Es ist nur eine kurze Sirene und dann gehen wir in die Schutzeinrichtung oder in eine sichere Zone." In Gaza müssen wir den Kindern erklären, welche Art von Bomben auf uns abgefeuert werden, welche Flugzeugtypen es gibt und welchen Schäden diese Flugzeuge und Bomben jeweils anrichten! Kindern im Gazastreifen wird gesagt, sie dürften keine Angst zeigen, da dies kein Ausdruck derStärke ist! Sie müssen die Fähigkeit erlernen, mit solchen Situationen umzugehen und sich damit abzufinden, dass das ihr Schicksal ist. Es ist verboten, den Kindern in Gaza das normale Leben zu zeigen, denn dann verlören sie möglicherweise die Fähigkeit, zu leben, zu überleben und Erfolg zu haben. In Gaza ist es verboten, zartfühlende Kinder zu haben ! Schwäche ist nichts für uns!

Die israelische Armee beschoss das Haus der Familie Dalou in Gaza-Stadt. Es gab 11 Tote, darunter vier Kinder unter 10 Jahren. Das palästinensische Fernsehen zeigte die schrecklichen Bilder davon und wurde dafür kritisiert.
Ja, wir verstehen, warum Psychologen Fernsehsender auffordern, sie sollten die Zuschauer warnen, bevor sie solche Bilder zeigen. Was ich aber nicht verstehe: Wie können zivilisierte westliche Regierungen Kritik an solchen Bildern üben, aber nicht einmal daran denken, Israels Regierung für dieses Blutvergiessen zu kritisieren. Israel erwartet von den Palästinensern, schweigend zu sterben, nicht zu schreien und nicht einmal zu weinen.

Wenn man in Gaza lebt, von Israel aus der Luft und vom Meer aus belagert und bombardiert wird, Gaza nicht ohne vorherige Genehmigung verlssen darf, wenn man pro Tag maximal 8 Stunden Strom hat, verschmutztes Wasser trinkt, nur wenige Jobmöglichkeiten hat, wenn man nie sein Land in einer Liste von Staaten im Internet findet, wenn man nur alle zehn Jahre wählen kann und es wagt, die Partei zu wählen, die man unterstützt, dann wird man belagert und bombardiert, ohne Grund getötet und trotzdem noch verdammt wird, weil man einem F16-Kampfjet gegenübersteht. Wenn man also zufällig unter diesen Bedingungen in Gaza lebt, dann sollte man wissen, dass man als Terrorist angesehen wird (wie auch immer „Terrorist“ definiert wird) und nichts daran ändern kann ! Wenn man all das hinnimmt und dennoch kein Terrorist wird, dann verdient man den Titel „Engel“"

 
Quelle: Arte Journal

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