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Chris Hedges: Der Verrat der Intellektuellen

Übersetzung: Einar Schlereth

 

Die Neufassung der Geschichte durch die Machtelite wurde peinlich offensichtlich, als das Land an den 10. Jahrestag des Beginns des Irakkrieges dachte. Manche behaupteten, sie wären gegen den Krieg gewesen, wenn sie es nicht waren. Unter anderen argumentierten „die nützlichen Idioten von Bush“, dass sie nur in gutem Glauben entsprechend der vorhandenen Informationen gehandelt hätten; hätten sie damals gewusst, was sie jetzt wissen, versichern sie uns, dann hätten sie anders gehandelt. Das ist natürlich falsch. Die Kriegstreiber, besonders die „liberalen Falken“ – zu denen Hillary Clinton, Chuck Schumer, Al Franken und John Kerry gehörten zusammen mit den Akademikern, Schriftstellern und Journalisten wie Bill Keller, Micharl Ingnatieff, Nicholas Kristof, David Remnick, Fareed Zakaria, Michael Walzer, Paul Berman, Thomas Friedman, George Packer, Anne-Marie Slaughter, Kanan Makiya und der verstorbene Christopher Hitchens – taten, was sie immer getan haben: sich in Selbst-''Erhaltung üben. Gegen den Krieg zu sein, hätte sie die Karriere gekostet.Und das wussten sie.
Diese Apologeten jedoch feuerten nicht nurden Krieg an, sondern haben in den meisten Fällen auch jeden, der den Ruf nach einer Invasion des Irak in Frage gestellt hat, lächerlich gemacht und versucht, ihn zu diskreditieren. Kristof griff in der 'New York Times' den Filmemacher Michael Moore als Verschwörungstheoretiker an und schrieb, dass anti-Kriegs-Stimmen nur den „politischen Sumpf“, wie er es nannte, polarisieren würden. Hitchens sagte, dass diejenigen, die gegen den Angriff auf Irak seien, „glauben nicht, dass Saddam Hussein ein schlechter Kerl sei“. Er nannte den typischen anti-Kriegs-Demonstranten ein „verwelktes ex-Blumenkind oder geifernden neo-Stalinisten“. Die halbherzigen mea culpas von vielen dieser Höflinge ein Jahrzehnt später verfehlen immer, die bösartigste und wichtigste Rolle zu erwähnen, die sie bei der Vorbereitung des Krieges spielten – die Verhinderung einer öffentlichen Debatte. Diejenigen von uns, die den Mund gegen den Krieg aufmachten, wurden von den rechten „Patrioten“ attackiert und ihren liberalen Apologeten und wurden zu Parias. In meinem Fall spielte es keine Rolle, dass ich arabisch konnte. Es spielte keine Rolle, dass ich sieben Jahre im Nahen Osten, einschließlich mehrere Monate in Irak, als Auslandskorrespondent verbrachte. Es spielte keine Rolle, dass ich auch den Krieg kannte. Die Kritik, die ich und andere Kriegsgegner vorbrachten, egal wie gut fundiert mit Fakten und Erfahrung, machte uns zu Objekten der Verachtung durch eine liberale Elite, die feige ihren eigenen „Patriotismus“ und „Realismus“ zeigen wollten. Die liberale Klasse entfachten einen rabiaten, irrationalen Hass auf jede Kriegskritik. Viele von uns erhielten Todesdrohungen und verloren ihre Jobs, ich meinen bei der 'New York Times'. Diese liberalen Kriegshetzer sind nach 10 Jahren immer noch ahnungslos über ihren moralischen Bankrott und im Übermaß scheinheilig. Sie haben das Blut Hunderttausender an den Händen.

Die Machtelite, besonders die liberale Elite, ist immer bereit gewesen, Integrität und Wahrheit für Macht, persönlichen Aufstieg, Stiftungsstipendien, Auszeichnungen, Professoren-Stühle, Leitartikel, Buchverträge, Fernsehauftritte, gut bezahlte Vorträge und sozialen Status zu opfern. Sie wissen, welcher Ideologie sie zu dienen haben. Sie wissen, welche Lügen erzählt werden müssen – wovon die größte ist, dass sie moralische Standpunkte vertreten in Fragen, die nicht sicher und nichtssagend sind. Sie machen das Spiel schon lange Zeit. Und sie werden, sollte ihre Karriere es erfordern, uns wieder verkaufen.

Leslie Gelb sprach es im Magazin 'Foreign Affairs' offen aus: „Meine anfängliche Unterstützung des Krieges war symptomatisch für die unglückliche Tendenz in der Gemeinde der Auslandspolitik, nämlich die Bereitschaft und die Anreize, Kriege zu unterstützen, um unsere politische und professionelle Glaubwürdigkeit zu bewahren. Wir „Experten“ müssen hart an uns arbeiten, gerade wenn wir die Medien 'perfektionieren' wollen. Wir müssen unsere Anstrengung zu unabhängigem Denken verdoppeln, Meinungen und Fakten aufgreifen, statt sie beiseite zu schieben, die die übliche – häufig falsche – Weisheit sprengen. Unsere Demokratie erfordert dies.“

Die moralische Feigheit der Machtelite ist besonders offensichtlich, wenn es um das Leid der Palästinenser geht. Die liberale Klasse ist es gewohnt, jene zu marginalisieren und zu diskreditieren, Leute wie Noam Chomsky und Norman Finkelstein, die den Anstand, Integrität und den Mut haben, die israelischen Kriegsverbrechen zu verurteilen. Und die liberale Klasse wird belohnt für ihren dreckigen Job, die Debatte zu unterdrücken.

„Nichts ist meiner Meinung nach verächtlicher, als die Geisteshaltung von Intellektuellen, die das Vermeiden hervorrufen, das charakteristische Sich-Abwenden von einer schwierigen und prinzipiellen Haltung, von der man weiß, dass sie die Richtige ist, aber die man entscheidet, nicht einzunehmen“, schrieb Edward Said. „Man will nicht zu politisch erscheinen, man hat Angst, kontroversiell zu sein, man wünscht, den Ruf zu behalten, ausgewogen, objektiv, moderat zu sein, die Hoffnung, gefragt zu sein, Rat zu geben, in einem Vorstand oder bekannten Komitee zu sitzen, und somit im verantwortlichen Mainstream zu bleiben; und eines Tages, so hofft man, einen Ehrendoktor zu bekommen, einen großen Preis, vielleicht sogar einen Botschafterposten.Für einen Intellektuellen ist eine solche Geisteshaltung korrumpierend par excellence“, fuhr Said fort. Wenn irgendetwas ein leidenscahftliches intellektuelles Leben vergällen, neutralisieren und schließlich töten kann, dann ist es diese Internalisierung solcher Gewohnheiten. Persönlich bin ich ihr begegnet in einer der schwierigsten zeitgenössischen Fragen, nämlich Palästina, wo die Furcht, den Mund aufzumachen über eine der größten Ungerechtigkeiten der modernen Geschichte viele gefesselt, mit Scheuklappen versehen und erstickt hat, obwohl sie die Wahrheit kennen und in der Lage sind, ihr zu dienen. Denn trotz der Beschimpfungen und Schmähungen, die jeder offene Unterstützer der palästinensichen Rechte und ihrer Selbstbestimmung erfährt, verdient es die Wahrheit, von einem furchtlosen und mitfühlenden Intellektuellen ausgesprochen zu werden.“

Julien Benda argumentierte in seinem Buch von 1927 „The Treason of Intellectuals“ (La Trahison des Clercs – Der Verrat der Intellektuellen), dass wir nur dann, wenn wir keine praktischen Ziele oder materiellen Vorteile verfolgen, einem Gewissen und einem Korrektiv dienen können. Jene, die ihre Loyalität praktischen Zielen der Macht oder materiellen Vorteilen überantworten, sich selbst intellektuell und moralisch entmannen. Benda schrieb, dass Intellektuell angesehen wurden als Leute, die gleichgültig gegenüber gängigen Leidenschaften seien. Sie „geben ein Beispiel für ihre Bindung an die rein uneigennützigen Aktivitäten des Geistes und schufen einen Glauben an den höchsten Wert einer solchen Existenz“. Sie betrachteten „als Moralisten die Konflikte der Selbstgefälligkeit“. Sie „predigten im Namen der Menschlichkeit oder Gerechtigkeit die Annahme eines abstrakten Prinzips, das diesen Leidenschaften überlegen und direkt entgegengesetzt ist“. Diese Intellkeutellen waren nicht, so gibt Benda zu, oft nicht in der Lage zu verhüten, dass die Mächtigen „die ganze Geschichte mit dem Lärm ihres Hasses und ihrer Gemetzel erfüllten“. Aber sie haben zumindest „verhindert, dass Laien ihre Handlungen zu einer Religion machten, sie verhüteten, dass sie sich selbst als große Männer sahen bei der Ausübung ihrer Aktivitäten“. Kurz und gut, schrieb Benda „die Menschheit hat zwei Jahrtausende lang Böses getan, aber sie verehrte das Gute.

Dieser Widerspruch gereichte der menschlichen Spezies zur Ehre und bildete den Riss, durch den die Zivilisation in die Welt schlüpfen konnte“. Aber sobald die Intellektuellen begannen, „das Spiel der politischen Leidenschaften zu spielen“, handelten jene, die „zuvor als Hemmnis für den Realismus der Menschen fungierten nun als Stimulatoren“.

Und deswegen hat Michael Moore Recht, wenn er die 'New York Times' und das liberale Establishment mehr wegen Irak verurteilt als George W. Bush und Dick Cheney.

„Der Wunsch, die Wahrheit zu sagen“, schrieb Paul Baran, der brilliante marxistische Ökonom und Autor von „The Political Economy of Growth“ (dt. Politische Ökonomie des wirtschaftlichen Wachstums, Luchterhand, 1966) „ist nur eine Bedingung, um ein Intellektueller zu sein. Die zweite ist Mut und Bereitschaft, mit rationaler Forschung fortzufahren, wohin dies auch führen mag … und der komfortablen und lukrativen Konformität zu widerstehen“.

Jene, die hartnäckig die Orthodoxie des Glaubens herausfordern, die das Herrschen politischer Leidenschaften in Frage stellen, die sich weigern, ihre Integrität zu opfern, um dem Kult der Macht zu dienen, werden an den Rand gedrängt. Sie werden verurteilt von genau den Leuten, die Jahre später diese moralischen Schlachten als ihre eigenen einfordern. Es sind nur die Ausgestoßenen und die Rebellen, die die Wahrheit und das intellektuelle Forschen am Leben erhalten. Sie allein nennen die Verbrechen des Staates. Sie allein gegen den Opfern der Unterdrückung eine Stimme. Sie allein stellen die schwierigen Fragen. Und am wichtigsten, sie stellen die Mächtigen bloß als das, was sie sind, zusammen mit ihren liberalen Apologeten.

 
Quelle: Einar Schlereth

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