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Clemens Messerschmid: Amnesty International und die nationale Amnesie der Aktion 3. Welt Saar

Amnesty International und die nationale Amnesie der Aktion 3. Welt Saar

Von Clemens Messerschmid, Hydrogeologe, Ramallah, Dezember, 2013

Die TAZ hat ihrer Ausgabe vom 20. Dezember 2013 eine Flugschrift über das Hilfsbusiness der NGOs in Palästina beigelegt. Aktion 3. Welt Saar schreibt hierin u.a. über Amnesty International‘s Wasserbericht aus dem Jahre 2009: „Dort heißt es: „Der tägliche Frischwasserkonsum der in den besetzten Gebieten lebenden Palästinenser liegt bei rund 70 Litern pro Kopf – und damit deutlich unter der Menge von 100 Litern, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen wird.“ Demgegenüber verbrauche ein Israeli täglich im Schnitt über 300 Liter Wasser, also mehr als das Vierfache. … Offen bleibt dabei, woher Amnesty überhaupt die Verbrauchszahlen hat – eine Quelle für sie wird im Bericht nämlich nicht genannt.„

Amnesty International’s Bericht liegt im Original auf Englisch und in deutscher Übersetzung vor.

Fehlende Quellenangaben
Das inkriminierte Zitat, im Original: „Palestinian consumption in the OPT is about 70 litres a day per person – well below the 100 litres per capita daily recommended by the World Health Organization (WHO)“ stammt aus der ersten Textseite des Berichts, also der zusammenfassenden Einleitung („Introduction“ auf S.3 – Seitenzahlen des Berichts), bei der nach akademischen Gepflogenheiten, nicht zitiert wird – dazu ist ja der eigentliche Bericht da. Wer den Bericht nicht zu ende liest, muss natürlich zu dem Schluss kommen, Amnesty stütze sich nicht auf nachprüfbare Quellen. Auf die Zahl von 70 Litern täglich kommt Amnesty mehrfach zurück, z.B. auf S.10 des Berichts. Und hier fänden sich auch Quellenangaben, auf die die leseuntüchtigen Saarländer Freunde hätten stossen müssen: Die Endnoten auf S. 10 ff. (Endnotes # 23, 25 und 27) des AI-Berichts verweisen auf den Weltbank-Bericht aus dem Jahr 2009: „Assessment of Restrictions on Palestinian Water Sector Development“ .

Der Weltbank-Bericht (World Bank, 2009) schreibt auf S. 119 zu Gaza: „PWA or municipalities provide about 70 l/c/d, but cannot reach all households.“ (PWA & Stadtverwaltungen liefern etwa 70 Liter pro Kopf und Tag, können aber nicht alle Haushalte erreichen). Zur Westbank steht dort gleich zu Beginn, auf Seite v: „Domestic water availability averages 50 lpcd.“ (Hauswasser-Verfügbarkeit liegt im Durchschnitt bei 50 Litern pro Kopf und Tag). Es kommt jedoch immer darauf an wie man zählt, ob man z.B. die unversorgte Bevölkerung (Gemeinden ohne Leitungsnetze) einbezieht, oder nicht. Dadurch kommen jeweils unterschiedliche Zahlen zustande – ganz abgesehen davon, dass die Zahl jährlich schwankt… Solange Israel die besetzten Gebiete in striktem de-development hält und etliche Gemeinden nicht einmal über ein Leitungsnetz verfügen, wird sich an diesem Problem im Berichtswesen auch nichts ändern. Die Amnesty-Angabe stammt zudem aus einem ganzen Absatz, der diese Zahl herleitet – und zwar wird hier die palästinensische Versorgung inklusive der Wasserzukäufe aus Israel berücksichtigt. Dies sind seriöse Zahlen, die international niemand in Zweifel zieht – ausser ein paar Siedlern, die für die israelische Wasserbehörde schreiben und natürlich die Wasserexperten von der Saar…

Das oben genannte Zitat geht aber noch weiter, nur wird es von den Saarfreunden nicht zitiert sondern verfälscht; im Original: „whereas Israeli daily per capita consumption, at about 300 litres, is about four times as much“ (AI 2009: 3). Also nicht “über” (wie es an der Saar lautet) sondern “ungefähr” 300 Liter. Warum „ungefähr“? Weil eben auch diese Zahl schwankt, und AI darauf bedacht war, präzise und seriös zu bleiben. Dies sind übrigens offizielle Zahlen der israelischen Wasserbehörde (IWA), genauestens dokumentiert und stehen im Netz, natürlich meist auf Hebräisch. Eine neuere unter den vielen Quellen auf Englisch wäre Israel’s 2012 ‚Overall Review‘ , derzufolge der Wasserverbrauch pro Kopf an Trinkwasser in Israel im Zeitraum bis 2008 zwischen jährlich 102 und 111 Kibikmeter pro Kopf (m3/c/yr) lag, also zwischen 280 und 305 Litern pro Kopf täglich (IWA, 2012: Folie 16).

Nun muss man den Saar-Aktionären zugute halten, dass sie die Zahl der unverschämt hohen Israelischen Trinkwasserverschwendung gar nicht in Frage stellen. Sie sind sich also dessen bewusst, dass Israelis im Schnitt mehr als zweieinhalb mal soviel Trinkwasser verschwenden als Deutsche (und 5-mal soviel wie den Palästinensern in der West Bank zur Verfügung steht). Trotzdem werden sie es sich nicht nehmen lassen, Israel als das eigentliche Opfer darzustellen – aber dazu später…

Die Wasserexperten der Aktion 3.Welt Saar schreiben weiter: Der Grund für diese Differenz liege in der „diskriminierenden israelischen Politik“, für sie natürlich ein ungeheurer Beleg für die “verbreitete(n) antisemitische(n) Positionen in der Mitte der deutschen Gesellschaft“, oder hier der englischen Gesellschaft Amnesty’s aus London. Dies nimmt auch kaum Wunder, taucht doch in dem gesamten Pamphlet das Wort „besetzt“ nur zweimal auf – einmal, unvermeidlich, in jenem Amnesty Zitat oben, und ein anderes mal von den Autorinnen der Gurkentruppe selbst als pures Gerücht verleumdet: „Nicht wenige NGOs zeichnen von den palästinensischen Gebieten, insbesondere vom Gazastreifen, jedoch ein gänzlich anderes Bild – nämlich das eines besetzten und belagerten Landstrichs“. Wenn schon die Besatzung als reines Gerücht entlarvt wird, dann ist, in der Aktionslogik von der Saar, die Behauptung einer „Diskriminierung“ durch Israel doch wohl erst recht ungeheuerliche antisemitische Hetze… Auch die Mär von der „Besatzung“ widerlegen die Saarfreunde schlagkräftig durch den Hinweis, dass ja Mexiko-Stadt angeblich dichter besiedelt sei als der Gaza Streifen. Na also…

Vollständiger Artikel von Clemens Messerschmid aktion_3_welt_saar_messerschmidt.pdf

Unsere Entgegung an die Taz-Redaktion entgegnung_an taz_Redaktion.pdf, sowie ein Leserbrief an die Taz, der aber nicht veröffentlicht wurde leserbrief_an_taz.pdf.

Quelle: Palästinakomitee Stuttgart

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