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Felix Hoffmann: Rede eines 17-jährigen Abiturienten auf dem Abiball 2014

 

Liebe Leserinnen und Leser dieser Homepage,

nachfolgend finden Sie die Rede von Felix Hoffmann, einem 17jährigen Abiturienten des Wentzinger Gymnasiums in Freiburg.

Felix hielt diese außergewöhnliche Rede am 27.6.14 auf dem Abiball der Schule vor 600 ZuhörerInnen.

Mich hat der Mut und die kritische Auseinandersetzung von diesem jungen Mann fasziniert, habe ich doch die Abiturszeit von ihm und seinen Freunden hautnah miterlebt durch meinen eigenen Sohn.

Felix, wenn ich wieder lese, was du uns am Freitag so engagiert vorgetragen hast, dann habe ich Hoffnung für uns Alle.

Durch kritische Menschen wie dich und deine Freundinnen und Freunde, wird es möglich sein, unseren Planeten hoffentlich vor dem Abgrund zu retten.

Aber ich stimme dir vollkommen zu – es kann nicht nur die Aufgabe von euch Jungen sein, die gerade aus der Schule entlassen werden und denen man zuruft "rettet unsere Welt"!

Wir "Alten" haben mindestens genauso viel Verantwortung wie ihr, wenn nicht noch mehr. Denn schließlich sind wir und unsere VorgängerInnen dafür verantwortlich, dass ihr all diesen Mist am Hals habt. Es ist leicht, seine eigene Verantwortlichkeit der nachfolgenden Generation zu übergeben, wie den Staffelstab beim Staffellauf.

Doch so einfach ist es nicht! Jede/Jeder hat ab einem gewissen Punkt einer reifen Entwicklung selbst Verantwortung zu tragen – und in meinen Augen nicht nur für das eigene Wohlergehen und das der Familie, sondern für die Gemeinschaft. Keiner kann heutzutage die Augen vor den vielen Herausforderungen schließen, die uns ALLE umgeben. Diese Verantwortung hört niemals auf solange wir leben.

Ich wünsche uns ALLEN und nicht nur euch Jungen, dass Jede/Jeder seinen Beitrag zu mehr Menschlichkeit leisten kann und wird.

Ich persönlich bin unglaublich stolz darauf, dass es euch kritische jungen Menschen gibt!!!!!

Gabi Weber

 

Und hier nun Felix´ Rede:

 

"Ich habe nichts übrig für eine weichgespülte Begrüßungszeremonie und eine darauffolgende nichtssagende Dankesbekundung an Eltern, Lehrer und Co – auch wenn ich weiß, dass ich ohne euch nicht hier stehen würde, im Grunde niemand von uns. Ich möchte nicht die Hochs und Tiefs einer vergangenen Schulzeit paraphrasieren, obwohl ich weiß, dass Vieles häufiger Erwähnung finden sollte, um sich so länger in unseren Köpfen – in unseren Erinnerungen – festzusetzen.

Ich möchte mich an meine Mitschüler wenden.

Die momentane durchschnittliche Geburtenrate in Deutschland liegt bei 1,4 Kindern je Frau, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt momentan bei ca. 80 Jahren, Tendenz steigend. Dieser Vorgang nennt sich demographischer Wandel. Soll heißen: Unsere Gesellschaft wird zunehmend älter.

Wir, die wir uns hier versammelt haben, um unsere „Reifeprüfung für den deutschen Durchschnittsbürger“ zu feiern, sind im Allgemeinen zwischen 17 und 19 Jahren alt. Wir sind oder waren es zumindest bis vor Kurzem: Schüler – eine soziale Randgruppe.

2009 wurde in Hamburg eine Schule errichtet mit Pausenhof auf dem Dach, nicht auf Grund Platzmangels – das war in einem schwach besiedelten Wohngebiet – sondern um die Anwohner um die Schule herum, welche Kinderlärm befürchteten, vor Kinderlärm zu schützen.

Die Chancengleichheit des deutschen Schulsystems ist der Bertelsmannstiftung zu Folge auch 2013 noch höchst bedenklich gewesen. Auf den Aufstieg eines Schülers auf das Gymnasium folgen 4,2 Schüler, welche das Gymnasium auf Grund schlechter Noten auf einen niedrigeren Bildungsgrad verlassen. Das bedeutet: Unser Bildungssystem ist nur in eine Richtung durchlässig und zwar nach unten!

Unsere Landesregierung kürzt 2012 die Bildungsgelder!

Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft lässt sich an der Art und Weise ablesen, wie sie mit ihrer Jugend umgeht. Denn die Jugend ist die Zukunft der Gesellschaft.
Aber nicht nur, dass wir häufig nicht akzeptiert, als faul und antriebslos bezeichnet werden, sondern auch dass man uns mit den Problemen der Zukunft konfrontiert, ohne uns Hoffnung zu geben, dass wir sie lösen können, löst bei Einigen – bei mir zumindest – eine erschreckende Lethargie aus.

Die Welt ist schlecht, vor allem ungerecht!

2011 war der OECD zu Folge das kriegreichste Jahr seit 1945, 2014 hat die Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Reichtum einen neuen Spitzenstand erklommen, wie es eigentlich jedes Jahr sein dürfte.

Der neuesten Oxfamstudie zu Folge besitzen die reichsten 85 Menschen so viel, wie die ärmsten 3,5 Milliarden. Großunternehmen wie Monsanto und Nestlé beherrschen den Lebensmittelmarkt, privatisieren Wasser in der ganzen Welt, erobern mit Hilfe von TTIP und Politik, welche ihre eigenen Bürger im Stich lässt, neue Absatzmärkte. Banken machen da weiter, wo sie vor der letzten Finanzkrise aufgehört haben, wenn sie zwischendrin überhaupt aufgehört haben, steuern in die nächste Krise. Es wird Krieg um Wasser, Öl, Uran geben. In den Meeren schwimmt sechsmal so viel Plastik wie Plankton, die Donau spült täglich 4,2 Tonnen Kunststoff in das schwarze Meer – mehr als Fischlarven – die giftigen Phtalate gelangen in unser Essen, letzten Endes in unsere Körper, und am ehesten in die Körper derer, die am allerwenigsten dafür können, die der Ärmsten der Armen.

Im Gazastreifen verhungert wahrscheinlich in diesem Moment ein Kind und in den unüberschaubaren Slums Indiens wird eine Frau vergewaltigt.

Das sind die Dinge, die man lernt, wenn man in der Schule an der richtigen Stelle zuhört.

Und man tut im gleichen Atemzug so, als ob es unsere Aufgabe wäre, diese Welt, die nur noch so von Krise in Krise schlittert, zu retten.

Da widerspricht sich die Schule. Man sagt uns, dass das Leben erst jetzt richtig anfangen wird, jetzt da wir unser Abitur in der Tasche haben. Aber von diesem Leben will man hier gar nichts mehr wissen. Man hat uns in Formen gepresst und alles, was an Elan übrig geblieben ist, verpufft wie Wasser auf einem heißen Stein.
Ich habe die Energie, mit der ich in der 5. Klasse dieses Schulgebäude betrat, den Optimismus, eines Tages als eine Art Superheld die Welt zu verändern und die Euphorie mit der WIR in die damals kaum zu erwartende Zukunft blickten, in langwierigen Mathestunden abgesessen, in verstaubte Englischbücher hineingelesen und letzten Endes mit dem Abitur vollkommen verloren.

Natürlich könnte man sagen: Erkennen zu müssen, dass man kein Held ist oder sein kann, ist hart, aber Teil des normalen Erwachsenwerdens und nicht Schuld der Schule.
Doch wir müssen der Wahrheit ins Gesicht blicken.

Helden werden jetzt gebraucht wie nie zu vor.

Helden, die in der Lage sind, uns mit uns selbst zu konfrontieren, Helden der Zukunft, welche nicht auf Schlachtfeldern geboren werden. Helden mit Visionen und Energie, diese umzusetzen, keine zurechtgestutzten, gesellschaftsfähigen Durchschnittsbürger, die zwar alle ein 1, – Abitur haben, aber keine Leidenschaft, sich von ihren Sofas loszulösen und zu beginnen, auch für andere zu leben. Es ist in der heutigen Zeit schwer geworden, ein passendes Beispiel zu finden. Man macht uns Angst. Wer will sich noch ins Licht stellen, wenn man weiß, dass ein Edward Snowden oder ein Bradley Manning von einem Friedensnobelpreisträger gejagt werden und in dem Staat, dem sie am meisten helfen, nämlich der BRD, keine Zuflucht finden.

Also –  woher sollen die Helden der Zukunft kommen? Wo sollen sie ausgebildet werden, wenn nicht in der Schule?

Wir jungen Menschen sind die einzige Chance, die dieser Planet und seine Bewohner noch haben. Wir aus den westlichen Ländern, die alle Mittel zur Verfügung haben, grenzenlosen Wohlstand, den neuesten Technologieboom, das vernetzte Wissen, das Internet, mit dem wir als erste gelernt haben zu leben, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre. Ich höre sie schon nach uns rufen in ein paar Jahren. Doch wir werden immer weniger.

Zudem wird dieser Planet zunehmend von alten Menschen regiert, die in alten Denkstrukturen leben, selbst wenn sie auf dem Papier auch noch unsere Väter sein könnten. Das Internet ist für sie Neuland, Smartphones schwerlich zu bedienen, in Textnachrichten sehen sie das Verkommen der menschlichen Sprache und nicht die Renaissance schriftlicher Kommunikation.

Doch mein Smartphone beschallt meine Ohren mit Peter Fox‘ „Haus am See“ in Dauerschleife, präsentiert mir alles, was ich und die restlichen Jugendlichen von unserer Zukunft noch erwarten, auf einem Silbertablett:

'Am Ende der Straße steht ein Haus am See,
orangenbraune Blätter liegen auf dem Weg,
ich habe 20 Kinder meine Frau ist schön,
alle kommen vorbei ich brauch‘ nie raus zu gehen.'

Das kann doch nicht alles sein!

Wenn wir diesen Standpunkt verlassen wollen, wenn wir wieder mehr erreichen, wenn wir bewegen, leben und verändern wollen, dann müssen wir aufstehen, uns von dem bleichen Licht unserer uns blendenden Bildschirme lösen und – wenn es die Alten nicht machen – dann müssen wir ihnen die Hände über die Leichen unserer kaputten Träume hinweg reichen.

Liebe Eltern/ liebe Schule, das geht an euch!

Ihr seid nicht blind, genau wie wir, lasst und gemeinsam die Welt so gerecht formen, wie wir es in der Schule eigentlich beigebracht bekommen haben sollten und lasst uns gegenseitig vorleben, wie das geht.

Auf jeden Fall nicht in einem Haus am See."


Felix Hoffmann

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