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Gideon Levy, Alex Levac: Was ich in dreißig Jahren Berichterstattung über die israelische Besatzung zu sehen bekommen habe

Original-Artikel in Haaretz vom 3.6.17

Artikel von Gideon Levy und Alex Levac
Was ich in dreißig Jahren Berichterstattung über die israelische Besatzung zu sehen bekommen habe.

Die Besatzung hat ihre eigene Sprache: Ein Araber ist ein „Terrorist“, Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren ist „administrative Haft“, die Besatzungsmacht ist das ewige Opfer und über ihre Verbrechen zu berichten ist Verrat

Am Samstag vor zwei Wochen nahmen ein paar Dutzend Israelis an der Eröffnung einer neuen Ausstellung in der Ben Ami Galerie im Süden von Tel Aviv teil. Die Künstlerin, deren Arbeiten erstmalig gezeigt wurden, saß in einem Stuhl. Sie kann nicht stehen und ohne Hilfsmittel auch nicht atmen. Mit Ausnahme ihres Gesichts kann sie keinen einzigen Teil ihres Körpers bewegen. Sie malt mit dem Mund.

Die Künstlerin ist ein fünfzehnjähriges Mädchen. Sie war furchtbar aufgeregt über ihr Debüt – ebenso wie ihr Vater, der sie seit elf Jahren Tag und Nacht pflegt. Ein grauenhafter Zufall wollte es, dass die Ausstellung genau am elften Jahrestag ihrer Tragödie eröffnet wurde, dem Tag, an dem fast ihre ganze Familie ausgelöscht wurde. Nur sie, ihr jüngerer Bruder und ihr Vater überlebten die Präzisionsrakete, die von Israels „moralischer“ Luftwaffe auf sie abgefeuert wurde. Seit diesem Augenblick ist sie schwer behindert, an den Rollstuhl gefesselt und auf ein Atemgerät angewiesen.

Maria Aman war vier Jahre alt als die Rakete das Auto traf, das ihre Familie gerade erst an diesem Morgen gekauft hatte. Sie tanzte auf dem Schoß ihrer Großmutter auf dem Rücksitz herum, ihre Mutter neben ihr, als das Geschoß in das Fahrzeug einschlug und ihre Chancen auf ein normales Leben vernichtete. Der Kommandeur der Luftwaffe distanzierte sich von dem Vorfall, der sich im Jahr 2006 im Gazastreifen ereignete. Den Israelischen Streitkräften fiel es nicht im Traum ein, sich zu entschuldigen, die Identität des Piloten wurde niemals bekanntgegeben, und er übernahm auch niemals die Verantwortung, und die Israelis reagierten vollkommen gleichgültig auf die Tatsache, dass wieder einmal eine Rakete eine unschuldige Familie fast vollständig ausgelöscht hatte.

Das Abschießen der Rakete, die Aman so entsetzlich verwundete, gilt in Israel nicht als Terrorakt, und der Pilot, der sie abgefeuerte, gilt nicht als Terrorist – schließlich hat er das ja nicht mit Absicht getan. Sie tun niemals etwas mit Absicht. Schon seit fünfzig Jahren tut Israel niemals etwas mit Absicht. Israel hat das niemals gewollt, die Besatzung wurde dem Land doch offensichtlich gegen seinen Willen aufgezwungen. Alle waren immer wohlmeinend und hatten die besten moralischen und ethischen Absichten, und nur die grausame Situation – oder sollten wir lieber sagen, die Palästinenser – haben uns all diese Schlechtigkeit aufgezwungen.

In der Ausstellung befindet sich unter anderem ein von Aman gemaltes Bild von drei Bäumen, die uns an die drei Überlebenden der Familie denken lassen, zusammen mit einem verbrannten Auto. Ferner ein Selbstportrait von Aman im Rollstuhl und ein Gemälde von ihrer Mutter im Himmel. Ihre Familie wurde infolge eines „Irrtums“ getötet. Aman ist nun infolge eines „Irrtums“ gelähmt. Israel hatte niemals die Absicht, ein unschuldiges Mädchen zu verletzen. Oder die mehr als 500 Kinder, die im Sommer 2014 während der Operation Defensive Edge im Gazastreifen getötet wurden. Oder die 250 Frauen, die ebenfalls im Sommer 2014 getötet wurden, manche unmittelbar neben ihren Kindern, manchmal zusammen mit der ganzen Familie. Der Weg zur Hölle war immer mit Israels guten Absichten gepflastert, jedenfalls in den Augen der Israelis.

Am Tag nach der Tragödie begab ich mich zum Haus der Familie im Tel al-Hawa Flüchtlingslager in Gaza. Es war einer von vielen Besuchen in den Häusern zerstörter Familien, die ich während der Jahre dort absolvierte, in denen es israelischen Journalisten noch gestattet war, den Gazastreifen zu besuchen. Damals schwebte Maria in der Shifa Klinik in Gaza Stadt zwischen Leben und Tod. Ihr Vater Hamdi wollte nicht mit uns sprechen. Er hinkte im sandigen Hinterhof des Krankenhauses herum – auch er war bei dem Raketenangriff verwundet worden – und starrte uns wütend an. Sein Vetter redete mit uns.

In all den Jahren, in denen ich über die Besatzung berichtet habe, war dies einer von nur einer Handvoll von Fällen, in denen ich mich erinnere, dass ein Opfer nicht mit uns reden wollte. In dreißig Jahren hat uns unsere Arbeit zu Hunderten von Opfern geführt, gewöhnlich kurz nachdem ihre Tragödie sie getroffen hatte, und immer öffneten sie ihre Häuser und ihre Herzen für uns ungeladene israelische Gäste, von denen sie noch nie etwas gehört hatten. Es ist nicht schwer zu erraten, was im umgekehrten Fall passiert wäre – wenn ein palästinensischen Journalist ein israelisches Opfer eines Terroranschlags am Tag nach dem Angriff aufgesucht hätte. Aber das ist nur einer von vielen Unterschieden.

Wie kann man es wagen, das zu vergleichen?

Ich begann fast zufällig über die Besatzung zu schreiben, nachdem ich viele Jahre lang wie alle Israelis gehirngewaschen und von der Gerechtigkeit unsere Sache überzeugt und sicher gewesen war, dass wir David und sie Goliath waren. Ich glaubte zu wissen, dass die Araber ihre Kinder nicht so lieben wie wir (wenn überhaupt) und dass sie im Gegensatz zu uns zum Töten geboren sind.

Dedi Zucker, damals Mitglied der Knesset für die Ratz Partei, schlug vor, dass wir uns ein paar entwurzelte Olivenbäume im Olivenhain eines alten Palästinensers im Westjordanland ansehen sollten. Wir kamen, wir sahen und waren besiegt. Das war der allmähliche und ungeplante Beginn von genau drei Jahrzehnten der Berichterstattung über die Verbrechen der Besatzung. Die meisten Israelis wollten nichts davon hören und wollen es auch heute noch nicht. In den Augen vieler israelischer Bürger ist es ein Vergehen, über dieses Thema in den Medien zu berichten.

Die Palästinenser als Opfer zu behandeln und die gegen sie begangenen Verbrechen als Verbrechen einzustufen gilt als Verrat. In Israel wird es bereits als Provokation betrachtet, die Palästinenser als menschliche Wesen darzustellen. Was für eine Empörung wurde 1998 durch Ehud Baraks Antwort auf die einfache Frage ausgelöst, was er tun würde, wenn er als Palästinenser geboren worden wäre (er sagte, dass er sich vermutlich einer der Widerstandsorganisationen angeschlossen hätte).

Wie kann man nur auf den Gedanken kommen, das zu vergleichen? Ich erinnere mich noch an die Soldaten, die mich an einem Kontrollpunkt in der Stadt Jenin im Westjordanland mit angelegtem Gewehr bedrohten, als ich sie fragte, was sie tun würden, wenn ihr sterbender Vater in einem palästinensischen Sanka stundenlang aufgehalten würde, weil die Soldaten im Zelt daneben Backgammon spielten. Wie konnte ich es wagen, ihren Vater mit dem Palästinenser in dem Sanka zu vergleichen?

Aber mein erster Aufenthalt in den besetzten Gebieten ist etwas, das ich gerne vergessen würde. Es war im Sommer 1967 und ich fuhr als vierzehnjähriger Junge mit meinen Eltern in die befreiten Gebiete meines Heimatlandes. Der Krieg, vor dem ich wie alle anderen Bewohner Israels überzeugt gewesen war, dass die Zerstörung des Landes unmittelbar bevorstand, lag nur wenige Wochen zurück. Holocaust II. Das hatte man uns gesagt. Das hatte man uns beigebracht. Und wenige Tage später besuchten wir das Grab der Patriarchen in Hebron, die Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem und Rachels Grabmal in Bethlehem. (Aus irgendeinen Grund stand ein Model von Rachels Grabmal bei uns zu Hause in einer Vitrine.)

Ich war begeistert. Damals sah ich keine Menschen, nur weiße Tücher auf den Balkonen und Orte, von denen man uns sagte, dass sie heilig seien. Ich beteiligte mich an Israels großer religiös- nationalistischer Orgie, die damals begann und niemals endete. Es dauerte zwanzig Jahre, bis sich der Katzenjammer bei mir einstellte.

Die Mehrzahl der Israelis will nichts über die Besatzung wissen. Wir haben keine Ahnung, was gemeint ist, wenn wir „Besatzung“ sagen. Wir haben keine Ahnung, wie wir uns verhalten würden, wenn wir unter ihrer Herrschaft leben müssten. Vielleicht wären manche Israelis geschockt, wenn sie mehr darüber wüssten.

Nur eine Minderheit der Israelis ist glücklich darüber, dass die Besatzung existiert, aber die Mehrzahl wird davon nicht im Mindesten berührt. Es gibt Leute, die dafür sorgen, dass alles so bleibt wie es ist. Es gibt Leute, die die schweigende, indifferente Mehrheit schützen und es ihr ermöglichen, ein gutes Gefühl gegenüber sich selbst zu haben – unberührt von Zweifeln oder moralischen Bedenken, überzeugt, dass ihre Armee und ihr Land die moralischste Armee und das moralischste Land der Welt sind, und dass die ganze Welt nur darauf aus ist, Israel auszulöschen. Obwohl in unserem Hinterhof so nah bei unseren eigenen Wohnungen Dunkelheit herrscht, in deren Schutz Tag und Nacht all diese Gräuel begangen werden – sind wir in unseren eigenen Augen immer noch so großartig.

Denn es vergeht kein Tag und keine Nacht, in der nicht ganz nah bei unseren Wohnungen Verbrechen begangen werden. Es vergeht kein Tag ohne Verbrechen, und so etwas wie eine ruhige Nacht gibt es nicht. Und wir haben noch gar nichts über die Besatzung selbst gesagt, die per definitionem verbrecherisch ist. Sie hat sich im Laufe der Jahre verändert und war manchmal mehr und manchmal weniger bedrückend, aber sie war zu allen Zeiten eine Besatzung. Und sie hat die Israelis niemals berührt.

Um ihre Verbrechen zu vertuschen braucht die Besatzung propagandagelenkte Medien, die ihre ehrliche Aufgabe verraten, und ein Erziehungssystem, das ihren Zwecken untergeordnet wird, und ein heuchlerisches Sicherheitsestablishment und gewissenlose Politiker und eine ahnungslose Zivilgesellschaft. Ein neues, an die Besatzung angepasstes Wertesystem musste entwickelt werden, in dem der Sicherheitskult alles erlaubt, rechtfertigt und schönfärbt, in dem Messianismus von der säkularen Bevölkerung akzeptiert wird, in dem das Opfergefühl als Deckmantel dient. Und das Gefühl, von Gott auserwählt zu sein, kann auch nicht schaden.
Außerdem war es erforderlich, eine neue Sprechweise zu entwickeln, die Sprache des Besatzers. In dieser neuen Sprache wird beispielsweise eine Inhaftierung ohne Gerichtsverhandlung als „Administrativhaft“ bezeichnet, und die Militärregierung ist als „Zivilverwaltung“ bekannt. In der Sprache der Besatzer ist jedes Kind mit einer Schere ein „Terrorist“ und jede Mensch, der von den Sicherheitskräften verhaftet wird, ist ein „Mörder‘“, und jeder verzweifelte Familienvater, der um jeden Preis versucht, seine Familie zu ernähren, ist in Israel ein „illegaler Eindringling“. Auf diese Weise wurde eine Sprache und eine Lebensweise geschaffen, in der jeder Palästinenser ein verdächtiges Objekt ist.

Ohne dieses Hilfsmittel, das das Sicherheitsestablishment mit Unterstützung der willfährigen Medien für uns geschaffen hat, hätte sich die Realität vielleicht doch als beunruhigend erwiesen. Leider verfügt Israel über solche Hilfsmittel im Überfluss. Während der ersten fünfzig Jahre wurden rasante Fortschritte in der Gehirnwäsche, der Leugnung und Unterdrückung und im Selbstbetrug gemacht. Dank der Medien, dem Erziehungssystem, der Politiker, der Generäle und der riesigen Armee von Propagandisten, begünstigt durch Apathie, Ignoranz und fest geschlossene Augen – ist die israelische Gesellschaft in ihrer Leugnung und bewussten Loslösung von der Realität vermutlich ein weltweit einmaliger Fall von absichtlicher Weigerung, die Dinge so zu sehen wie sie sind.

Wir haben das Interesse verloren

Der Vorhang ist gefallen. In den letzten zwanzig Jahren ist die Besatzung aus der öffentlichen Agenda Israels verschwunden. Wahlkampagnen kommen und gehen, ohne dass von dem folgenschwersten Thema für Israels Zukunft die Rede ist. Die Politiker haben das Interesse verloren. Die Zahl der Hilfslehrer in den Kindergärten ist ein drängendes Problem, die Besatzung nicht. Ursprünglich wurde das Thema an fast jedem Esstisch am Sabbat-Abend besprochen. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam es zu erbitterten Streitigkeiten darüber, was mit den „besetzten Gebieten“ geschehen sollte.

Heute leugnet eine wachsende Zahl von Israelis, dass es die Besatzung überhaupt gibt. „Es gibt keine Besatzung“ lautet das neueste Schlagwort, ein Ableger von Golda Meirs Erklärung, „Es gibt keine Palästinenser“, und ebenso lächerlich. Wenn man behauptet, dass es keine Besatzung oder keine Palästinenser gibt, verliert man die Beziehung zur Realität auf eine Weise, zu deren Erklärung man auf die Terminologie der Pathologie und der Geisteskrankheiten zurückgreifen muss. Und an diesem Punkt sind wir angelangt.

Die ihrer Natur nach schwarz-weiße Situation von Besatzern und Besetzten wird den Israelis als „komplexe Realität“ dargestellt. Militärischer Despotismus wird als Bestandteil der einzigen Demokratie im Nahen Osten wahrgenommen, als Konsequenz eines unvermeidlichen Überlebenskampfes. Und Israels Weigerung, die Besatzung zu beenden, verwandelt sich durch die Propagandamaschinerie in eine Situation, in der es keinen Partner gibt. Dieser Fall ist einmalig in der Geschichte: Der Besatzer ist das Opfer, die Gerechtigkeit ist ausschließlich auf Seiten des Besatzers, und in dem andauernden Krieg geht es um seine Sicherheit und Existenz. Hat es so etwas jemals gegeben?

Und über all dem schwebt die Lüge, das alles sei vorübergehend. Es ist Israel gelungen, sich selbst und der Welt einzureden, die Besatzung sei ein Übergangsphänomen: In der nächsten Minute wird sie verschwunden sein. Von ihrem ersten Tag bis zum fünfzigsten Jahrestag hat die Besatzung die Maske der begrenzten Dauer getragen. Die Palästinenser brauchen sich nur anständig zu benehmen, und schon verschwindet die Besatzung. Ihr Ende wartet angeblich an der nächsten Ecke. Dort wartet es nun seit 50 Jahren. Es gibt keine krassere Lüge. Israel hat niemals auch nur eine Minute lang daran gedacht, die Besatzung zu beenden. Der Beweis: Israel hat niemals aufgehört, Siedlungen zu bauen. Wer auch nur eine Hütte auf der anderen Seite der Grünen Linie baut, hat nicht die Absicht, sie jemals wieder zu verlassen. Die Besatzung wird uns erhalten bleiben.

Was hat sich während dieser 50 Jahren geändert? Alles – und nichts. Israel hat sich verändert, und die Palästinenser ebenfalls. Die Besatzung ist nach wie vor die gleiche Besatzung, aber sie ist brutaler geworden, was mit jeder Besatzung passiert. Wenn die Israelis im Jahr 1996 noch leicht schockiert auf die Geschichte von der ersten Palästinenserin reagierten, die ihr Neugeborenes verlor, weil die Soldaten an drei verschiedenen Kontrollpunkten sich weigerten, sie in ein Krankenhaus fahren zu lassen, bis das Kind tot war – offensichtlich gestorben, weil es der Witterung ausgesetzt war – so konnten die späteren Fälle niemanden mehr beunruhigen.

„The Twilight Zone“ bringt laufend Berichte über Frauen in den Wehen, die ihre Babys an Kontrollpunkten verlieren, und Israel gähnt aus Mangel an Interesse. Zwischen dem ersten und dem letzten Zeitungsartikel liegen dreißig Jahre, und sie unterscheiden sich nicht voneinander. „Ihr wiederholt euch ständig“, sagt man uns, als ob es nicht die Besatzung wäre, die sich wiederholt. Sie durchläuft stürmische, lebensgefährliche Zeiten, und dann wieder Zeiten, in denen es ruhiger zugeht. Es gibt Monate, in denen Blut fließt, und andere, in denen wir uns mit umgesägten Bäumen, zerstörten Häusern, deportierten Westbankbewohnern und ohne Gerichtsverfahren inhaftierten Menschen befassen.

In der Zwischenzeit füllt sich das Land mit Siedlungen, mit Hunderttausenden von Siedlern, die sich vervielfachten, je länger der „Friedensprozess“ andauerte. Das ist das einzige Ergebnis des „Prozesses“. Jeder geringste Anschein eines Fortschritts war stets von immer noch mehr Siedlern begleitet, in der besten Tradition von Erpressung und Unterwerfung. Während der Osloer Abkommen hat sich die Zahl der Siedler verdoppelt und verdreifacht. Ehud Barak, der Bursche, der ganz nahe daran war, Frieden zu schließen, war der größte Siedlungsbauer in den besetzten Gebieten. In Israel kann man noch heute die Zwei-Staaten-Lösung befürworten und trotzdem Siedlungen in den besetzten Gebieten bauen.

Israel hat in den letzten 50 Jahren mehr als 10 000 Palästinenser umgebracht und rund 800 000 eingesperrt. Diese unvorstellbaren Zahlen werden ebenfalls routinemäßig als selbstverständlich, unvermeidlich und natürlich vollkommen gerechtfertigt akzeptiert. Die Schuld liegt voll und ganz bei den Getöteten und Eingesperrten. Israel glaubt mit aller Kraft an seine Streitkräfte, an den Geheimdienst Shinbet und das militärische Rechtssystem, die immer für alles eine Entschuldigung finden und niemals etwas zugeben, auch dann nicht, wenn all ihre krankhaften Lügen ans Tageslicht kommen. Es ist unentschuldbar, an ihnen zu zweifeln. In den meisten Sprachen nennt man so etwas Blindheit.

Die ausradierte Grüne Linie

Im Zentrum des Kreisverkehrs an der Kreuzung zum Etzion Block, einem der verkehrsreichsten Plätze im Westjordanland, der immer vollgestopft ist mit israelischen und palästinensischen Fahrzeugen, weht eine israelische Fahne. Im Westjordanland sieht man viel mehr israelische Nationalflaggen als in Israel. Und es wehen dort viel mehr dieser Fahnen als Fahnen des Volkes, das die absolute Mehrheit der Menschen in den besetzten Gebieten darstellt. Es gibt kaum Wegweiser zu den palästinensischen Städten und Dörfern, nur zu den jüdischen Siedlungen. Wenn palästinensische Wegweiser aufgestellt werden, werden sie nach kurzer Zeit mit schwarzer Farbe unleserlich gemacht. Das Gefühl der Unsicherheit ist so allgegenwärtig, dass die Siedler glauben, sie könnten die palästinensischen Gemeinden zum Verschwinden bringen, wenn sie ihre Namen auslöschen.

Das, was ausradiert wurde, ist die Grüne Linie. Die einzige Trennlinie die in Israel existiert, ist ethnisch, nicht geographisch. Israel ist ein Staat, der sich vom Mittelmeer bis zum Jordan erstreckt, ohne Grenzen und mit zwei verschiedenen Regierungssystemen für zwei verschiedene Völker. So ist das seit 50 Jahren, und es besteht nicht die geringste Absicht, das zu ändern. Die Siedler sind Israel und die Besatzung ebenfalls: Beide Phänomene sind nicht mehr von Israel zu trennen. Die Bankniederlassung am eleganten Kikar Hamedina Platz in Tel Aviv hat einen Zwilling in der städtischen Siedlung Ma’aleh Adumim in der Westbank. Die Klinik im noblen Stadtviertel Rehavia in Jerusalem hat ein Spiegelbild in der Siedlung Karnei Shomron. Alle Israelis sind daran beteiligt. Die Vorstellung, dass Israel und die besetzten Gebiete zwei getrennte Entitäten sind, ist ebenfalls ein vom gelben Wind getragener Betrug. Er macht es uns möglich, Israel zu lieben und die Besatzung zu hassen. Aber diese Trennung ist ebenso falsch wie künstlich.

Die Gründerväter gehörten der Labor-Bewegung an, und niemand trägt größere Schuld an der Besatzung als sie. Moshe Dayan träg mehr Schuld an der Besatzung als Avigdor Lieberman. Yighal Allon ist für mehr Siedlungen verantwortlich als Gilad Erdan. Golda Meir, Israel Galili, Shimon Peres und Yitzhak Rabin gründeten mehr Siedlungen als Benjamin Netanyahu, Naftali Bennett und Ayelet Shaked zusammen. Die Gush Emuinim Bewegung entzündete die Flamme, und die Labor Partei stellte treulich den Brennstoff zur Verfügung, und den Betrug und den Schutzschirm gleich dazu. Der Vorwand, den Shimon Peres für den Bau der Siedlung Ofra vorschob, war die Notwendigkeit, dort eine Antenne zu errichten, und alle gaben vor, diese Lüge zu glauben.

Niemals hat auch nur ein einziger israelischer Premierminister die Palästinenser als menschliche Wesen oder als Nation mit gleichen Rechten betrachtet, und niemals hat einer von ihnen im Ernst den Willen gehabt, die Besatzung zu beenden. Nicht einer. Das Gerede von zwei Staaten machte es möglich, Zeit zu schinden, der Friedensprozess diente der Welt als Vorwand, tatenlos zuzusehen und damit die Besatzung stillschweigend zu akzeptieren. Alle Friedenspläne, die jetzt in irgendwelchen Schubladen verstauben, sind einander erstaunlich ähnlich, und sie alle teilten das gleiche Schicksal: von Israel zurückgewiesen zu werden. Auch in dieser Hinsicht hat Israel sich in voller Absicht schon immer selbst belogen, indem es behauptete, es wolle Frieden. Die Liste der Besatzungslügen wird nach wie vor immer länger.

Wandelnde Tote

Die Eltern der getöteten Jugendlichen sind alt geworden, die jungen Leute, die an der ersten Intifada teilgenommen haben, sind im Jahr 2017 Menschen mittleren Alters, und die der zweiten Intifada sind wandelnde Tote. Manche der in diesem Artikel genannten Helden sind vergessen, andere nicht. Anlässlich der 50-Jahresfeierlichkeiten quillt die Erinnerung über von Bildern.
Da ist die Reihe von Jugendlichen mit amputierten Gliedmaßen in ihren Rollstühlen, die am Fenster im Korridor des Shifa-Krankenhauses in Gaza eine Zigarette rauchen; die Opfer der himmelschreienden Bombardierung der Erdbeerfelder in Beit Lahia, durch die eine ganze Familie ausgelöscht wurde. Und die Kinder, die den tödlichen Angriff auf den Hamas-Anführer Salah Shehadeh überlebten – ursprünglich behauptete die IDF, er sein in einem „unbewohnten Anbau“ liquidiert worden. Und dann ist da noch die junge Frau aus Gaza bei ihrem ersten und letzten Besuch bei der Ramat Gan Safari im Hayarkon Park in Tel Aviv und am Strand der Stadt am Vorabend ihres Todes – sie starb an Krebs, weil sie zu spät um noch gerettet zu werden zur Behandlung in Israel eintraf. Und der Junge aus Bethlehem, der zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde, zu einem Monat für jeden Stein, den er geworfen hatte, obwohl er niemanden getroffen und keinerlei Schaden angerichtet hatte.

Dann war da der Besuch bei einem Gefangenen in Administrativhaft, der seine eng in Shakespeare-Englisch geschriebenen Briefe aus dem Gefängnis herausschmuggelte. Der Bräutigam, der an seinem Hochzeitstag getötet wurde. Der Vater aus dem Flüchtlingslager Kalandia, der innerhalb von 40 Tagen zwei Söhne verlor, während ein weiterer Sohn wenige Jahre später vom Kommandeur der Binyamin-Brigade der IDF auf der Flucht mit einem Schuss in den Rücken getötet wurde. Die alleinstehende Mutter, deren einzige Tochter in ihren Armen von einer Rakete getötet wurde, die in ihr Haus in Gaza einschlug. Und die Kinder des Indira-Gandhi-Kindergartens, deren Lehrerin vor ihren Augen getötet wurde, über die wir nach unserem letzten Besuch in Gaza vor mehr als 10 Jahren geschrieben haben. Der Leiter der Architekturabteilung an der Bir Zeit Universität, der vom Shin-Bet gefoltert wurde. Der ermordete Arzt aus Tul Karm.

Dann war da der Vater, dem eine Hand und beide Beine fehlten, im Zimmer 602 im Shifa-Krankenhaus in Gaza im Juni 1994, der versuchte, seinen sterbenden Sohn zu füttern. Lulu, das Mädchen aus dem Flüchtlingslager Shabura bei Rafah im Gazastreifen – sie starb 10 Jahre nachdem Soldaten sie in den Kopf geschossen hatten. Die drei Männer aus dem Flüchtlingslager Deheisheh bei Bethlehem, die beide Augen verloren. Der junge mit dem amputierten Bein aus dem Flüchtlingslager al-Fawwar südlich von Hebron, der verhaftet und geschlagen wurde. Die Jungen mit den Messern und die Mädchen mit den Scheren, die ohne Notwendigkeit in den letzen Monaten an verschiedenen Kontrollpunkten erschossen wurden. Und der Steine-werfende Demonstrant, der letzte Woche auf diesen Seiten beschrieben wurde, der eine Nacht lang von Soldaten misshandelt, geschlagen und gedemütigt wurde und dem die Haare büschelweise abgeschnitten wurden. Was Bara Kana’an, dem jungen Zimmermann aus Beit Rima bei Ramallah passierte, war schon vor zwei, drei und vier Jahrzehnten vielen Palästinensern passiert.

Die IDF, die Grenzpolizei und die Zivilverwaltung rechtfertigten, unterstützten, erdachten Entschuldigungen und färbten alles schön, oftmals mit offensichtlichen Lügen, wenn sie ihre automatischen Antworten formulierten. Sie entschuldigten sich niemals und gaben niemals zu, einen Fehler gemacht zu haben. Nur selten drückten sie Bedauern aus, und niemals boten sie eine Kompensation an. Was sie – und die meisten Israelis – betraf, war immer alles ordnungsgemäß gehandhabt worden.

Ein Kunstwerk

Bei der Eröffnung von Maria Amans Ausstellung vor zwei Wochen konnte jeder selbst sehen, wie ordnungsgemäß in den letzen 50 Jahren alles gehandhabt wurde. Da ist Aman, gelähmt und auf ihr Atemgerät angewiesen, die ihre Mutter, ihre Großmutter, ihren kleinen Bruder und ihre Tante bei einer unschuldigen Fahrt auf einer verkehrsreichen Straße in Gaza verlor, weil es gerade die Zeit der Tötungen ohne Gerichtsurteil war. In diesem Fall wich Israel vom üblichen Prozedere ab und gestattete ihr nach einem hartnäckigen Kampf von Amans Familie und anderen eine Rehabilitation in Israel. Was sie zeigt ist eine Darstellung von Leben und Tod in einem Gemälde. Aman hat eine Ausstellung in Tel Aviv. Tausend andere Opfer, die ein ähnliches Schicksal hatten wie sie, bekamen niemals eine solche Chance. Maria wurde zum Symbol. Ihre behinderten Leidensgenossen bleiben anonym, und in Israel weiß keiner von ihrem Schicksal.
Die wenigen Dutzend Israelis, die an der Eröffnung teilnahmen, von denen einige das Mädchen und ihren bewundernswerten Vater schon seit Jahren begleiten, gehören zu den wenigen in Israel, die wissen, dass zwischen 1967 und 2017 nicht alles ordnungsgemäß gehandhabt wurde. Die ersten 50 Jahre der Besatzlung waren eine einzige, lange Abscheulichkeit.

Übersetzung von Sigrid Langhaeuser

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