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Gilad Atzmon: Der wandernde – Wer? Exklusiv-Vorabdruck des ersten Kapitels seines nun auf Deutsch erschienenen Buches „The Wandering Who?“

 

Der Wandernde – WER? Eine Studie jüdischer Identitätspolitik

von Gilad Atzmon

Übersetzung von Andreas Schmidt, Einar Schlereth

 

 

Vorabdruck des Kapitels

"MEIN GROßVATER WAR EIN CHARISMATISCHER, POETISCHER, ZIONISTISCHER TERRORISTENVETERAN"

 

mit freunlicher Genehmigung des Autors und des Zambon-Verlags

 

Mein Großvater war ein charismatischer, poetischer, zionistischer Terroristenveteran

Als ehemaliger prominenter Kommandant in der rechtsgerichteten Terrororganisation Irgun hatte er, wie ich zugeben muss, in meiner frühesten Jugend einen gewaltigen Einfluss auf mich. Er zeigte einen unnachgiebigen Hass gegen alles Nicht-Jüdische. Er hasste Deutsche und verbot meinem Vater deshalb, einen deutschen Wagen zu kaufen. Er verachtete auch die Briten, da sie sein „verheißenes Land“ kolonisierten. Ich vermute aber, dass er die Briten jedoch nicht so sehr verabscheute wie die Deutschen, weil er meinem Vater erlaubte, einen alten Vauxhall Viva zu fahren.

Er war auch auf die Palästinenser ziemlich sauer, da sie auf dem Land wohnten, das – da war er sich sicher – doch ihm und seinem Volk gehörte. Oft fragte er sich: „Diese Araber haben so viele Länder, warum müssen sie auf genau demselben Land leben, das uns von unserem Gott „gegeben“ wurde?“ Mehr als alles andere aber hasste mein Großvater jüdische Linke. Dieser besondere Abscheu reifte allerdings nicht zu einem Interessenkonflikt zwischen ihm und meinem Vater heran, da jüdische Linke niemals irgendein anerkanntes Fahrzeugmodell hervorbrachten.

Als Anhänger des rechtsgerichteten Revisionisten Zeev Jabotinsky war es meinem Großvater offensichtlich klar, dass eine linke Philosophie im Verein mit jedweder Form eines jüdischen Wertesystems ein Widerspruch in sich ist. Als Rechter und Terroristenveteran sowie als stolzer jüdischer „Falke“ wusste er sehr wohl, dass Tribalismus niemals in Frieden mit Humanismus und Universalismus leben kann. Seinem Mentor Jabotinsky
folgend glaubte er an die Philosophie der „Eisernen Mauer“. Wie Jabotinsky respektierte auch mein Großvater arabische Menschen und hatte eine hohe Meinung von ihrer Kultur und Religion, glaubte aber, dass man Arabern im Allgemeinen und Palästinensern im Besonderen furchtlos, hart und kämpferisch gegenüber treten sollte.

Mein Großvater pflegte oft die Hymne der politischen Bewegung Jabotinskys zu zitieren:

Aus der Grube voller Verwesung und Staub
Wird durch Blut und Schweiß hindurch
Uns eine Rasse entstehen,
Stolz, großherzig und leidenschaftlich kämpferisch.


Mein Großvater glaubte an das Wiedererwachen des Stolzes der „Jüdischen Rasse“ – und so tat ich es ihm in meiner frühen Jugend nach. Genau wie meine Altersgenossen nahm ich die Palästinenser um mich herum nicht wahr. Zweifellos gab es sie – sie reparierten den Wagen meines Vaters für den halben Preis, bauten unsere Häuser, räumten das Durcheinander hinter uns auf, schleppten Kisten im Lebensmittelgeschäft des Ortes – aber sie verschwanden stets knapp vor Sonnenuntergang und tauchten erst vor der Morgendämmerung wieder auf. Nie knüpften wir  Kontakte mit ihnen. Wir verstanden nicht richtig, wer sie waren und für was sie standen. Das Gefühl eigener Überlegenheit hatte unsere Seelen tief durchzogen. Wir betrachteten die Welt durch ein rassistisches, chauvinistisches Fernglas. Und wir fühlten auch keine Scham darüber.

Mit siebzehn war ich reif für den Militärdienst in den IDF (Israeli Defense Forces = israelische Streitkräfte). Als gut gebauter Teenager voll ‚militantem Enthusiasmus‘ sollte ich eigentlich zu einer Rettungs-Spezialeinheit der Luftwaffe. Doch dann geschah das Unerwartete: In einem Jazzprogramm zu sehr später Nacht  hörte ich Bird „Charlie Parker with Strings“.

Das warf mich um. Die Musik war organischer, poetischer, sentimentaler und wilder als alles, was ich je zuvor gehört hatte. Mein Vater hörte gewöhnlich Bennie Goodman und Artie Shaw, die beide unterhaltsam waren – sie konnten gewiss Klarinette spielen – aber Bird war eine ganz andere Geschichte. Hier gab es eine intensive, libidinöse Extravaganz aus Geist und Energie. Am nächsten Morgen schwänzte ich die Schule und
eilte zu Piccadilly Records, der Nummer Eins unter Jerusalems Musikgeschäften. Ich fand die Jazzabteilung und kaufte jede Bebop-Aufnahme, die sie gerade in den Regalen hatten, was wahrscheinlich auf zwei Alben hinauslief. Im Bus nach Hause stellte ich fest, dass Parker eigentlich ein Schwarzer war. Das war zwar keine völlige Überraschung für mich, aber eine Art Offenbarung. In meiner Welt brachte man nur Juden mit allem
Guten in Verbindung. Bird war der Anfang einer Reise.

 
Meine Freunde und ich waren damals davon überzeugt, dass Juden tatsächlich das Auserwählte Volk wären. Meine Generation wuchs mit dem magischen Sieg im Sechs-Tage-Krieg auf. Wir waren uns unser selbst völlig sicher. Wir waren säkular und brachten jeden Erfolg mit unseren omnipotenten Qualitäten in Verbindung. Wir glaubten nicht an einen göttlichen Eingriff, wir glaubten an uns selbst. Wir glaubten, dass der Ursprung unserer Macht aus unseren wiedererstandenen hebräischen Seelen und Körpern lag. Die Palästinenser ihrerseits dienten uns gehorsam und damals sah es nicht so aus, als ob sich diese Situation jemals ändern würde. Sie zeigten keine wirklichen Anzeichen kollektiven Widerstandes. Die sporadischen sogenannten „Terror“-Anschläge machten uns selbstgerecht und erfüllten uns mit der Gier nach Rache. Aber irgendwie, inmitten dieser Omnipotenzorgie und zu meiner großen Überraschung, merkte ich, dass die Leute, die mich am meisten begeisterten, tatsächlich ein paar schwarze Amerikaner waren – Menschen, die nun so gar nichts mit dem zionistischen Wunder oder mit meinem eigenen chauvinistischen,
exklusivistischen Stamm zu tun hatten.

Zwei Tage später kaufte ich mein erstes Saxophon. Anfangs ist dies ein sehr leichtes Instrument – man frage Bill Clinton – aber lernen, wie Bird oder Cannonball Adderley zu spielen, schien eine unmögliche Aufgabe. Ich begann, Tag und Nacht zu üben, und je mehr ich dies tat, desto überwältigter war ich von der gewaltigen Leistung jener großen Familie schwarzer amerikanischer Musiker, die ich nun näher kennen zu lernen begann. Binnen
eines Monats hörte ich Sonny Rollins, Joe Henderson, Hank Mobley, Thelonious Monk, Oscar Peterson und Duke Ellington und je mehr ich lauschte, desto klarer wurde mir, dass meine judäozentrische Erziehung – irgendwie völlig irreführend war.

Nach einem Monat mit dem Saxophon im Mund war mein soldatischer Enthusiasmus vollständig verschwunden. Anstatt Hubschrauber hinter feindlichen Linien zu fliegen, phantasierte ich, von einem Leben in New York, London oder Paris. Alles, was ich wollte, war eine Chance, die Jazzgrößen live zu hören, denn es waren die späten 1970er und viele von ihnen lebten noch.

Heutzutage schreiben sich Jugendliche, die Jazz spielen möchten, in einer Musikhochschule ein. Als ich zum Jazz kam, war es noch ganz anders.

Wer klassische Musik spielen wollte, trat in ein Konservatorium ein, aber wer um der Musik selbst willen spielen wollte, blieb zuhause und spielte eben rund um die Uhr locker vor sich in. Damals gab es keine Jazzausbildung in Israel und in meiner Heimatstadt Jerusalem gab es nur einen einzigen, kleinen Jazz-Club, der in einem alten, umgebauten, pittoresken türkischen Bad untergebracht war. Jeden Freitagnachmittag traf man sich
dort zur Jam-Session und während meinen ersten beiden Jazz-Jahre waren diese Jams die Essenz meines Lebens. Alles andere gab ich auf. Ich übte nur noch – Tag und Nacht –, selbst im Schlaf bereitete ich mich auf den nächsten „Freitag-Jam“ vor. Aufmerksam lauschte ich der Musik und transkribierte einige großartige Solos. Ich übte im Schlaf, indem ich mir die Akkordwechsel ausmalte und über sie hinweg flog. Ich beschloss, mein
Leben dem Jazz zu widmen, und nahm die Tatsache hin, dass meine Chancen, als weißer Israeli an die Spitze zu gelangen, eher gering waren.

Ich nahm noch nicht wahr, dass meine wachsende Hingabe an den Jazz meine jüdischen nationalistischen Tendenzen überwältigt hatte: wahrscheinlich ließ ich die Auserwähltheit in dieser Zeit hinter mir, um ein normales menschliches Wesen zu werden. Jahre später kam ich tatsächlich zu der Einsicht, dass Jazz mein Fluchtweg war.

Innerhalb weniger Monate wurde die Verbindung mit der mich umgebenden Realität schwächer. Ich sah mich selbst nun als Teil einer viel weiteren und größeren Familie, einer Familie von Musikliebhabern, bewundernswerten Menschen, die mit Schönheit und Geist anstatt mit Land, Mammon und Besatzung beschäftigt waren.

Aber, ich musste immer noch zur IDF. Obwohl spätere Generationen junger israelischer Jazzmusiker einfach der Armee entkamen und in das Mekka des Jazz, New York, flüchteten, stand mir, einem jungen Burschen mit zionistischen Wurzeln in Jerusalem, eine solche Option nicht offen. Eine solche Möglichkeit kam mir nicht einmal in den Sinn.

Im Juli 1981 trat ich in die israelische Armee ein, doch ab dem ersten Tag meines Militärdienstes tat ich mein Bestes, mich dem Ruf der Pflicht zu entziehen – nicht, weil ich Pazifist war, und auch nicht, weil ich mich groß um die Palästinenser sorgte. Ich zog es nur vor, mit meinem Saxophon allein zu sein.

Im Juni 1982, bei Ausbruch des ersten israelisch-libanesischen Krieges, war ich bereits seit einem Jahr Soldat. Man musste kein Genie sein, um die Wahrheit zu erkennen. Ich wusste, dass unsere Führer logen, und tatsächlich begriff jeder israelische Soldat, dass dies ein israelischer Aggressionskrieg war. Persönlich fühlte ich keinerlei Verbundenheit mehr mit der zionistischen Sache, Israel oder dem jüdischen Volk. Auf dem jüdischen Altar zu sterben, übte keinen Reiz mehr auf mich aus. Und doch war es nicht Politik oder Ethik, die mich antrieb, sondern vielmehr meine Sehnsucht, mit meinem neuen Selmer Paris Mark IV-Saxophon alleine zu sein. Tonleitern mit Lichtgeschwindigkeit rauf und runter zu spielen, schien mir weit wichtiger, als Araber im Namen jüdischen Leidens zu töten. Anstatt also qualifizierter Killer zu werden, unternahm ich jeden nur möglichen Versuch, mich einer der Militärkapellen anzuschließen. Es dauerte zwar ein paar Monate, doch schließlich landete ich sicher im Orchester der  israelischen Luftwaffe (IAFO).

Die Zusammensetzung der IAFO war einmalig. Man wurde nur angenommen, wenn man ein exzellenter Musiker oder ein viel versprechendes Talent war – oder der Sohn eines toten Piloten. Die Tatsache, dass ich akzeptiert wurde, obwohl mein Vater noch unter den Lebenden weilte, beruhigte und ermutigte mich: Zum ersten Mal zog ich die Möglichkeit in Betracht, dass ich musikalisches Talent besitzen könnte.

Zu meiner großen Überraschung nahm keines der Orchestermitglieder die Armee ernst. Wir waren alle nur mit einer Sache beschäftigt: unserer persönlichen musikalischen Entwicklung. Wir hassten die Armee und es dauerte nicht lange, bis ich den Staat selbst zu hassen begann, der eine Luftwaffe erforderte, die eine Band für sich beanspruchte, was mich davon abhielt, sieben Tage in der Woche 24 Stunden zu üben. Wenn wir gerufen wurden, um für eine Militärveranstaltung aufzuspielen, versuchten wir, so schlecht zu spielen, wie wir nur konnten, um dafür zu sorgen, dass wir nie wieder eingeladen würden. Manchmal trafen wir uns sogar nachmittags, um schlechtes Spielen zu üben. Es wurde uns klar, dass unsere persönliche Freiheit in dem Maße wachsen würden, je schlechter unser kollektiver Auftritt war. Im Militärorchester lernte ich zum ersten Mal, subversiv zu sein, und wie man das System sabotiert, um einem persönlichen Ideal zu entsprechen.

Im Sommer 1984, knapp drei Wochen, bevor ich meine Militäruniform auszog, wurden wir auf eine Konzerttour in den Libanon geschickt.

Damals war dies ein sehr gefährlicher Platz. Die israelische Armee war tief in Bunker und Gräben eingegraben und vermied jegliche Konfrontation mit der örtlichen Bevölkerung. Am zweiten Tag brachen wir nach Ansar auf, einem israelischen Internierungslager in Südlibanon. Diese Erfahrung veränderte mein Leben vollständig.

An einem glühendheißen Tag Anfang Juli kamen wir am Ende einer staubigen, ungeteerten Straße in der Hölle auf Erden an. Das riesige Gefängnislager war mit Stacheldraht umzäunt. Als wir zum Lagerhauptquartier fuhren, hatten wir einen Blick auf Tausende von Insassen im Freien, die in der sengenden Sonne schmorten.

So schwer es auch zu glauben sein mag, Militärbands werden immer als VIPs behandelt und nachdem wir in den Offizierunterkünften gelandet waren, wurden wir auf einem Rundgang durch das Lager geführt. Wir gingen den endlosen Stacheldraht und die Wachtürme entlang. Ich traute meinen Augen nicht.

„Wer sind diese Menschen?“ fragte ich den Offizier.

„Palästinenser“, sagte er. „Auf der Linken sind PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) und auf der Rechten sind Ahmed Dschibrils Jungs (Volksfront für die Befreiung Palästinas – Generalkommando) – Sie sind weit gefährlicher, deshalb halten wir sie isoliert.“

Ich betrachtete die Häftlinge. Sie sahen ganz anders als die Palästinenser in Jerusalem aus. Die Männer, die ich in Ansar sah, waren zornig. Sie waren nicht besiegt, sie waren Freiheitskämpfer und zahlreich. Als wir unseren Weg längs des Stacheldrahts fortsetzten, gelangte ich zu einer unerträglichen Wahrheit: Ich ging auf der anderen Seite – in israelischer Militäruniform. Der Ort war ein Konzentrationslager. Die Insassen waren die „Juden“ und ich war ein „Nazi“. Ich brauchte Jahre, um mir einzugestehen, dass sogar die duale Gegenüberstellung Jude/Nazi selbst ein Ergebnis
meiner judäozentrischen Indoktrination war.

Während ich über die Wirkung meiner Uniform nachsann und versuchte, mit dem heftigen Schamgefühl fertig zu werden, das in mir wuchs, erreichten wir einen großen, ebenen Platz in der Lagermitte. Der uns führende Offizier bot uns noch mehr Plattitüden über den aktuellen Krieg zur Verteidigung der jüdischen Zuflucht. Während er uns mit diesen irrelevanten Hasbara (Propaganda)-Lügen langweilte, bemerkte ich, dass wir von zwei Dutzend Betonblöcken von je ca. 1m Breite x 1m Tiefe x 1,3 m Höhe mit kleinen Metalltüren als Eingängen umgeben waren. Der Gedanke, dass meine Armee über Nacht Wachhunde in diese Kästen sperrte, entsetzte mich. Ich aktivierte meine israelische Chutzpah und sprach den Offizier
auf diese schrecklichen Hundehütten aus Beton an. Seine Antwort kam schnell: „Da sind unsere Isolierhaft-Blöcke; nach zwei Tagen in einem davon, ist man ein hingebungsvoller Zionist!“.

Da reichte es mir. Mir wurde klar, dass mein Verhältnis zum israelischen Staat und dem Zionismus zerstört war. Noch wusste ich sehr wenig über Palästina, über die Nakba oder selbst über Judentum und Jüdischkeit. Damals sah ich nur, dass Israel schlechte Nachrichten für mich bedeutete, und ich wollte nichts weiter damit zu tun haben. Zwei Wochen später gab ich meine Uniform wieder ab, schnappte mir mein Alt-Saxophon, nahm
den Bus zum Ben Gurion-Flughafen und ging für einige Monate nach Europa, um dort Straßenmusik zu machen. Im Alter von einundzwanzig Jahren war ich zum ersten Mal frei. Allerdings war mir der Dezember schließlich zu kalt und ich kehrte nach Hause zurück – jedoch mit der klaren Absicht, mich so schnell wie möglich wieder auf den Weg nach Europa zu machen. Irgendwie sehnte ich mich danach, ein Goi (Nichtjude) zu werden
oder doch zumindest von Gojim umgeben zu sein.

***

Es sollte weitere zehn Jahre dauern, bevor ich Israel endgültig verlassen konnte. Während dieser Zeit informierte ich mich jedoch über den Israel-Palästina-Konflikt und begriff, dass ich in Wirklichkeit auf jemandes anderen Land lebte. Ich nahm die verheerende Tatsache in mir auf, dass die Palästinenser ihre Häuser 1948 keineswegs freiwillig verlassen hatten, wie uns in der Schule erzählt wurde, sondern dass sie Opfer einer brutalen
ethnischen Säuberung geworden waren, verübt von meinem Großvater und seinesgleichen. Es wurde mir klar, dass die ethnische Säuberung in  Israel niemals aufgehört, sondern nur andere Formen angenommen hatte. Ich erkannte, dass das israelische Rechtssystem nicht unparteiisch, sondern rassisch orientiert war (so heißt zum Beispiel das „Rückkehrgesetz“ Juden aus jedem Land nach 2.000 Jahren „zuhause“ willkommen, hindert jedoch Palästinenser daran, nach zweijährigem Auslandsaufenthalt in ihre Dörfer zurückzukehren). Währenddessen hatte ich mich
auch als Musiker weiterentwickelt und mir als Session-Musiker und Musikproduzent größeres Ansehen verschafft. Ich beschäftigte mich zwar nicht wirklich mit irgendwelchen politischen Aktivitäten – aber ich verfolgte den israelischen linken Diskurs intensiv und verstand bald, dass es sich eher um einen gesellschaftlichen Klub als um eine von ethischem Bewusstsein motivierte ideologische Kraft handelte.

Zur Zeit der Oslo-Verträge im Jahre 1993 konnte ich es schließlich nicht mehr ertragen. Ich sah, dass israelisches „Friedenschließen“ nichts anderes war als Tatsachenverdrehung. Zweck war nicht die Aussöhnung mit den Palästinensern oder die Auseinandersetzung mit der zionistischen Ursünde, sondern die Existenz des jüdischen Staates auf Kosten der Palästinenser weiterhin zu sichern. Für die meisten Israelis bedeutet „Schalom“ nicht „Frieden“, sondern „Sicherheit“ – und zwar allein für Juden. Dass Palästinenser ihr „Rückkehrrecht“ feierten, war keine Option. Ich
entschied mich, meine Heimat und meine Karriere aufzugeben. Ich ließ alles und jeden hinter mir, einschließlich meiner Frau Tali, die sich mir später anschloss. Alles, was ich mit mir nahm, war mein Tenorsaxophon – mein wahrer, ewiger Freund.

Ich zog nach London und nahm an der Universität Essex ein weiterführendes Studium der Philosophie auf. Binnen einer Woche gelang es mir, ein Engagement im Black Lion zu bekommen, einem legendären irischen Pub auf der Kilburn High Road.Damals wusste ich noch nicht zu schätzen, wie viel Glück ich hatte – ich wusste nicht, wie schwierig es war, in London einen Auftritt zu ergattern. Dies war tatsächlich der Beginn meiner
internationalen Karriere als Jazzmusiker. Innerhalb eines Jahres war ich im Vereinigten Königreich sehr populär geworden, spielte Bebop und Post-Bebop. Binnen drei Jahren tourte ich mit meiner Band durch ganz Europa.

Und dann packte mich das Heimweh. Zu meiner großen Überraschung war es nicht Israel, das ich vermisste, nicht Tel-Aviv, nicht Haifa, nicht Jerusalem. Es war Palästina. Es waren nicht die groben und lauten israelischen Taxifahrer am Ben-Gurion-Flughafen oder die schmuddeligen Einkaufszentren in Ramat Gan, sondern der kleine Platz in der Yefet-Straße in Jaffa, wo das beste Hummus serviert wird, das man sich für Geld nur kaufen kann, und die palästinensischen Dörfer, die sich über die Hügel inmitten von Olivenbäumen und Sabra-Kakteen erstreckten. Wann immer mir in London nach einem Heimatbesuch war, landete ich schließlich in der Edgware Road und verbrachte den Abend in einem libanesischen Restaurant. Nachdem ich einmal begonnen hatte, meine Gedanken zu Israel in der Öffentlichkeit deutlich zu äußern, wurde mir bald klar, dass ich meiner Heimat in der Edgware Road wahrscheinlich so nahe war, wie ich ihr jemals wieder kommen könnte.

***

Als ich in Israel lebte, war ich von arabischer Musik überhaupt nicht angetan. Ich vermute, dass koloniale Siedler selten an der einheimischen Kultur interessiert sind. Ich liebte Volksmusik, hatte mich in Europa und in den USA bereits als Klezmer-Spieler etabliert und begann im Laufe der Jahre, auch türkische und griechische Musik zu spielen. Doch die arabische und insbesondere palästinensische Musik hatte ich dabei völlig übergangen. Als ich nun in London in jenen libanesischen Restaurants rumhing, wurde mir klar, dass ich die Musik meiner Nachbarn niemals wirklich erforscht hatte. Noch beunruhigender: Ich hatte sie ignoriert und sogar abgelehnt. Obwohl ich überall von ihr umgeben war, hatte ich ihr niemals wirklich zugehört. Dabei war sie in jedem Winkel meines Lebens erklungen: der Gebetsruf von den Moscheen, die Stimmen von Umm Kulthum, Farid El-Atrash und Abdel Halim Hafez. Man konnte sie in den Straßen, im Fernsehen, in den kleinen Cafés der Jerusalemer Altstadt, in den Restaurants
hören. Sie hatte mich überall umgeben – doch ich hatte ihr respektlos keinerlei Beachtung geschenkt.

Und nun wurde ich in meinen Mittdreißigern, noch dazu fernab vom Nahen Osten, von der einheimischen Musik meines Heimatlandes angezogen. Es war nicht leicht; es war tatsächlich am Rande des völlig Unmöglichen. So einfach es für mich war, Jazz zu absorbieren – bei arabischer Musik war dies fast unmöglich. Ich lauschte dieser Musik, nahm mein Saxophon oder meine Klarinette und versuchte, meinen Sound einzubinden, aber das
Ergebnis war ein äußerst fremder Klang. Bald wurde mir bewusst, dass arabische Musik eine gänzlich andere Sprache ist. Ich wusste nicht, wo ich anfangen oder wie ich mich ihr nähern sollte. Jazz-Musik ist zu einem gewissen Grad ein westliches Produkt mit einem starken afro-kubanischen Einfluss. Sie bildete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts heraus und entwickelte sich in den Randzonen der amerikanischen Kultur. Bebop, die Musik, mit der ich aufwuchs, besteht aus relativ kurzen Musikfragmenten – die Musikstücke mussten zum 3-Minuten-Aufnahme-Format der 1940-er Jahre passen. Westliche Musik lässt sich zudem mittels Standardnotenschrift und Akkordsymbolen leicht in visuelle Inhalte transkribieren. Jazz ist deshalb wie die meisten westlichen Musikformen teilweise digital. Arabische Musik ist hingegen analog – sie lässt sich nicht transkribieren. Bei dem bloßen Versuch verfliegt ihre Authentizität. Als ich dann endlich die menschliche Reife hatte, mich „der Musik“ meines Heimatlandes im wahrsten Sinne des Wortes „zu stellen“, stand mir mein musikalisches Wissen im Weg.

Ich konnte nicht verstehen, was mich daran hinderte, arabische Musik zu meistern, oder warum ich nicht den richtigen Sound traf, wenn ich sie zu spielen versuchte. Ich hatte zwar genug Zeit mit Zuhören und Üben verbracht, aber es klappte einfach nicht. Im Laufe der Zeit begannen Musikjournalisten, meinen neuen Sound zu schätzen und mich als einen Jazz-„Helden“ zu betrachten, der als Experte arabischer Musik die Kluft zwischen den Musikkulturen überwand. Ich wusste jedoch, dass sie Unrecht hatten – so sehr ich auch versuchte, diese sogenannte „Kluft“ zu
überwinden, wusste ich doch, dass mein Sound und meine Interpretation wahrer arabischer Musik fremd waren.

Dann entdeckte ich einen einfachen Trick. Wenn ich bei meinen Konzerten versuchte, diesen so flüchtigen orientalischen Sound nachzubilden, sang ich zunächst eine Zeile, die mir jene Klänge ins Gedächtnis zurückholte, die ich in meiner Kindheit ignoriert hatte. Ich versuchte, mich an den wiederhallenden Ruf der Muezzin zu erinnern, der aus den umliegenden Tälern bis in unsere Straßen drang, und an die erstaunlichen,  unvergesslich ergreifenden Klänge meiner Freunde Dhafer Youssef und Nizar Al-Issa, sowie die tiefe, nachklingende Stimme von Abel Halim
Hafez. Zunächst schloss ich nur meine Augen und lauschte mit meinem inneren Ohr, doch ohne es zu zunächst zu merken, öffnete ich allmählich auch den Mund und begann, laut zu singen.  Da wurde mir bewusst, dass ich mit dem Saxophon im Mund sang und auf diese Weise einen Klang erzielte, der den metallenen Lautsprechern der Moscheen sehr nahe kam. So lange Zeit hatte ich mich bemüht, mich dem arabischen Klang anzunähern, aber nun vergaß ich einfach, was ich zu erreichen suchte – und begann, es zu genießen.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass die Echos von Dschenin, Al-Quds und Ramallah auf natürliche Weise dem Schalltrichter meines Instruments entstiegen. Ich fragte mich, was geschehen war, warum ich plötzlich echt klang, und kam zu dem Schluss, dass ich auf das Primat des Auges verzichtet hatte und meine Aufmerksamkeit stattdessen dem Primat des Ohres zuwandte. Ich suchte nicht mehr auf dem Blatt nach Inspiration, nach Visuellem oder Beweisbarem in der musikalischen Notation oder den Akkordsymbolen. Stattdessen lauschte ich auf meine innere Stimme. Das Ringen mit der arabischen Musik erinnerte mich daran, warum ich überhaupt begonnen hatte, Musik zu spielen. Schließlich hatte ich Bird im Radio gehört, und nicht auf MTV. Durch die Musik und insbesondere durch meine persönliche Auseinandersetzung mit arabischer Musik lernte ich, zuzuhören.

Anstelle des Blicks auf die Geschichte oder der Analyse ihrer Entwicklung in materiellen Ausdrücken ist es vielmehr das Hören, das den Kern tiefen Verstehens bildet. Ethisches Verhalten kommt ins Spiel, wenn die Augen geschlossen sind und die Echos des Bewusstseins in der Seele eine Melodie formen können. Einfühlen bedeutet, das Primat des Ohres anzunehmen.

 

Quelle: Gilad Atzmon

Zambon-Verlag: http://www.zambon.net/de/titelinformationen.php?idCod=87 

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