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Howard Zinn: Krieg (2003)

Dem Fortschritt näherkommen.

Während ich dies schreibe, sieht alles nach Krieg aus.

Und das trotz des offenbaren Mangels an Kriegsbegeisterung im Lande. Die Umfragen, die die "Ja"- und "Nein"-Stimmen zählen, können nur die Zahlen erfassen, aber sie sagen nichts über Intensität der Gefühlen aus. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass die Unterstützung eines Krieges nur eine halbherzige, unsichere und uneindeutige ist. Daran liegt es wohl, dass die Ja-Stimmen für einen Krieg ständig abnehmen.

Diese Regierung wird vermutlich nicht aufgehalten werden, obgleich sie um ihren geringen Rückhalt weiß. Tatsächlich ist das fraglos die Ursache dafür, dass sie zu solcher Eile drängt: Sie will in den Krieg ziehen, bevor ihr Rückhalt noch mehr abnimmt.

Es wird angenommen, dass sich das amerikanische Volk geschlossen hinter den Krieg stellen wird, sobald die Soldaten im Gefecht stehen. Die Fernsehbildschirme werden vornehmlich das Explodieren "intelligenter Bomben" zeigen und das Verteidigungsministerium wird dem amerikanischen Volke versichern, dass die Verluste unter der Zivilbevölkerung so klein wie möglich gehalten werden. (Wir leben in einer Zeit der Massentode, und alle Verluste, die unter einer Million liegen, sind kein Grund zur Besorgnis.)

So hat es sich bisher zugetragen. Einheit hinter dem Präsidenten in Kriegszeiten. Aber es muss nicht immer so sein.

Die Antikriegsbewegung wird sich wohl kaum im Klima eines Krieges geschlagen geben. Die Hunderttausenden, die in Washington und San Francisco und New York und Boston auf die Straße gingen – wie auch in vielen Dörfern, Städtchen und Städten im ganzen Land -, werden sich nicht eingeschüchtert zurückziehen. Im Gegensatz zu den halbherzigen Unterstützern des Krieges ist die Opposition gegen einen Krieg gefestigt; sie kann nicht mit Leichtigkeit von ihrem Posten vertrieben oder durch Einschüchterungen zum Schweigen gebracht werden.

Vielmehr wird sich die Stimmung gegen den Krieg zwangsweise noch verstärken. Auf die Forderung "Unterstützt unsere Soldaten!" wird die Friedensbewegung dann antworten können: "Ja, wir unterstützen unsere Soldaten, wir möchten, dass sie leben, wir möchten, dass sie nach Hause gebracht werden. Die Regierung unterstützt sie nicht. Sie schickt sie in den Tod oder lässt sie verwunden, oder durch unsere eigenen Geschosse aus abgereichertem Uran vergiften "

Nein, unsere Verluste werden zahlenmäßig nicht groß sein, aber jeder einzelne wird für die Verschwendung eines wichtigen menschlichen Wesens stehen. Wir werden darauf bestehen, dass diese Regierung für jeden Toten, jeden Verstümmelten, jeden Fall von Krankheit, jeden Fall von psychischem Trauma durch die Grauen des Krieges, zur Verantwortung gezogen wird.

Und obwohl den Medien kein Zugang zu den Toten und Verwundeten im Irak eingeräumt werden wird, obwohl die menschliche Katastrophe im Irak in Zahlen erzählt werden wird, abstrakt und nicht in Berichten über wirkliche Menschen, wirkliche Kindern, wirkliche Müttern und Väter – die Friedensbewegung wird einen Weg finden, um diese Berichte zu erzählen. Und wenn sie das tut, wird das amerikanische Volk antworten, das zwar in Eiseskälte "auf der anderen Seite" verharren kann, aber das auch aufwacht, wenn "die andere Seite" plötzlich als Mann, Frau oder Kind – genau wie wir – gesehen wird.

Das ist keine Fantasterei, keine vergebliche Hoffnung. So trug es sich in den Jahren des Vietnamkrieges zu. Über lange Zeit verhüllten Statistiken, was den Bauern Vietnams angetan wurde: Leichenzählungen, ohne dass Leichen gezeigt, Gesichter gezeigt, Schmerz, Furcht, Wut gezeigt worden wären. Doch dann begannen die Berichte durchzusickern – die Geschichte des My Lai-Massakers, Erzählungen zurückgekehrter Soldaten über Massaker, an denen sie selbst teilgenommen hatten.

Und Bilder tauchten auf – das kleine Mädchen, das von Napalm getroffen wird, während sie die Straße herabrennt, ihre Haut zu Fetzen; die Mütter, die in ihren Gräben stehend ihre Babys an sich drücken, während amerikanische Soldaten ihre Körper mit Maschinengewehrsalven durchbohren.

Als solche Ereignisse herauskamen, als die Fotos zu sehen waren, konnte das amerikanische Volk nicht anders, als bewegt zu sein. Der Krieg "gegen den Kommunismus" wurde so als Krieg gegen arme Bauern in einem winzigen Land Tausende Kilometer entfernt gesehen.

Zu irgendeinem Zeitpunkt des kommenden Krieges, und niemand kann sagen, wann. Irgendwann werden die Lügen der Regierung – "Der Tod dieser Familie war ein Unfall.", "Wir entschuldigen uns für die Verstümmelung dieses Kindes.", "Das war ein Fehler durch Fehlinformation,", "ein Versagen des Radars." – hinweggefegt werden.

Wie bald es dazu kommt, hängt nicht nur von den Millionen ab, die sich jetzt – aktiv oder still – in der Friedensbewegung sammeln, sondern auch davon, wann Informationen rebellisch gewordener Teile des Establishments auftauchen, die zu reden beginnen; wann Journalisten es müde sind, durch die Regierung instrumentalisiert zu werden, und die Wahrheit schreiben. Und es hängt von kritischen Soldaten ab, die des Krieges müde geworden sind, der kein Krieg, sondern ein Massaker ist – wie anders ließe sich sonst Chaos durch den mächtigsten Kriegsapparat der Welt beschreiben, der Tausende von Bomben auf eine Militärmacht fünfter Klasse, durch zwei Kriege und zehn Jahre ökonomischer Sanktionen am Boden, hernieder regnen lässt?

Die Friedensbewegung hat eine Verantwortung, eine Schwächung der Kriegsmaschinerie zu unterstützen. Das erreicht sie einfach durch ihre Existenz, durch ihr Beispiel, durch ihre Beharrlichkeit, durch ihre Stimmen, die über die Abschirmungswälle der Regierung hinwegreichen und zu dem Gewissen der Menschen sprechen.

Diese Stimmen haben sich schon zu einem Chor verdichtet, mit Amerikanern aus allen Lebenslagen, Altersstufen, überall im Land.

Es gibt eine elementare Schwäche von Regierungen, wie gewaltig auch immer ihre Waffen, wie reich sie auch seien, wie auch immer sie den Informationsfluss an die Öffentlichkeit kontrollieren, denn ihre Macht basiert auf dem Gehorsam ihrer Bürger, von Soldaten, von Beamten der Zivilverwaltung, von Journalisten und Autoren und Lehrern und Künstlern. Wenn diese Leute den Verdacht bekommen, dass man sie betrogen hat, und sie ihre Unterstützung entziehen, verliert die Regierung ihre Legitimität – und ihre Macht.

Wir haben solche Ereignisse in den vergangenen Jahrzehnten überall auf der Welt beobachten können. Führer, die allmächtig erschienen, umgeben von ihren Generälen, standen plötzlich dem Ärger des Volkes gegenüber, das aufgestanden war, den Hunderttausenden in den Straßen und dem Unwillen der Soldaten zu schießen, und diese Führer eilten bald mit den Geldkoffern unterm Arm zum Flughafen.

Der Vorgang, die Legitimität dieser Regierung zu unterminieren, hat schon begonnen. Schon die ganze Zeit besteht ein Wurmfraß an den Innereien ihres Machtanspruchs – das Wissen des amerikanischen Volkes, begraben zwar, aber in einem sehr flachen Grab, aus dem es ein leichtes Entrinnen gibt, dass diese Regierung durch einen politischen Coup an die Macht kam und nicht durch des Volkes Willen.

Die Friedensbewegung sollte das nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Die ersten Schritte zur Entlegitimierung dieser Regierung werden schon in kleinen aber gewichtigen Schritten unternommen. Die Frau des Präsidenten musste ein Treffen von Dichtern im Weißen Haus absagen, weil diese rebelliert haben und den Marsch in den Krieg als eine Verletzung der heiligsten Werte der Dichter aller Jahrhunderte ansahen.

Die Generale, die den Golfkrieg 1991 führten, bezeichnen den jetztigen als dumm, unnötig und gefährlich. Der CIA widerspricht dem US- Präsidenten, indem er sagt, dass Saddam Hussein seine Waffen wohl kaum einsetzten wird, wenn man ihn nicht angreift.

Überall im Land – nicht nur in den großen Metropolen wie Chicago, sondern auch in Orten wie Boesman, Montana; Des Moines, Iowa; San Luis Obispo, Kalifornien; Nederland, Colorado; Tacoma, Washington; York, Pennsylvania; Santa Fe, New Mexico; Gary, Indiana; Carrboro, North Carolina — insgesamt in siebenundfünfzig Städten und Bezirken — wurden Resolutionen gegen den Krieg als Reaktion auf den Willen ihrer Bürger verabschiedet.

Die Aktionen werden sich vervielfältigen, sobald der Krieg erst einmal begonnen hat. Der Einsatz ist dann höher. Jeden Tag werden Menschen sterben. Die Verantwortung der Friedensbewegung wird riesig sein, von dem zu sprechen, was die Leute fühlen, aber noch auszusprechen zögern. Zu sagen, dass dieser Krieg für Öl geführt wird, fürs Geschäft. Das Plakat aus der Vietnamzeit erneut zu zeigen: "Krieg ist gut fürs Geschäft – investieren Sie Ihren Sohn!" (Heute morgen gab es im Boston Globe eine Überschrift: "Weitere 15 Mrd. $ kämen den Firmen Neu- Englands zugute.")

Nein, kein Blut für Öl, kein Blut für Bush, kein Blut für Rumsfeld oder Cheney oder Powell. Kein Blut für politischen Ergeiz, für grandiose Modelle eines Imperiums.

Keine Aktion sollte als zu klein, keine gewaltfreie Aktion als zu groß angesehen werden. Die Stimmen nach einem Amtsenthebungsverfahren gegen Bush sollen sich mehren. Das verfassungsrechtliche Erfordernis "schwere Verbrechen und Übertretungen" trifft sicherlich darauf zu, unsere Jugend um die Welt zu schicken und in einem Angriffskrieg Leute, die uns nicht angegriffen haben, zu töten oder von ihnen getötet zu werden.

Jene Dichter brachten Laura Bush in Bedrängnis, weil sie den Krieg in ihre Zeremonie hereinbrachten und so etwas "Unangemessenes" taten. Hierin liegt das Mittel: Die Leute werden weiter "unangemessene" Dinge tun, weil diese Aufmerksamkeit bringen – die Zurückweisung des Konformen, die Weigerung "professionell" (was meist bedeutet, nicht gegen das Bild zu verstoßen, zu dem Geschäft oder Profession zwingen) zu sein.

Die Absurdität dieses Krieges ist so offensichtlich, dass Leute, die nie an Antikriegsdemonstrationen teilgenommen haben, jetzt allerorten in großer Zahl auftauchen. Jeder, der bei einer war, kann die Zahl der anwesenden Jugendlichen bezeugen, die offenbar zum ersten Mal dabei waren.

Argumente für den Krieg sind fadenscheinig und müssen dem ersten Blick stattgeben. Massenvernichtungswaffen? Irak mag eine Atombombe entwickeln (obgleich die Inspektoren keine Indizien dafür finden konnten) – aber Israel hat 200 Nuklearwaffen und die USA haben 20.000 und sechs weitere Länder haben ihre Zahlen nicht bekannt gegeben. Saddam Hussein ein Tyrann? Fraglos, wie viele andere auf der Welt. Eine Bedrohung für die Welt? Wie kommt es dann, dass der Rest der Welt, der sich auch viel näher am Irak befindet, keinen Krieg will? Selbstverteidigung? Die unglaubwürdigste aller Behauptungen. Terrorbekämpfung? Keine Verbindung gefunden zwischen dem 11. Sept. und Irak.

Ich glaube, dass es an der offensichtlichen Inhaltslosigkeit der Regierungsposition liegt, dass die Bewegung gegen den Krieg so beispiellos rasant anwächst. Und dass neue Stimmen aufkommen, die "unangemessen" außerhalb ihrer professionellen Grenzen sprechen. 1500 Historiker haben eine Petition gegen den Krieg unterzeichnet. Geschäftsleute und Büroangestellte haben ganzseitige Anzeigen in Zeitungen veröffentlicht. Alle lehnen es ab, bei ihrer "Profession" zu bleiben und unterstreichen vielmehr, dass sie zuallererst menschliche Wesen sind.

Ich denke daran, dass Sean Penn allen patriotischen Unkenrufen zum Trotze nach Bagdad reiste. Oder an Jessica Lange, die auf einem Filmfestival in Spanien erklärte: "Ich verachte Bush und seine Regierung."

Die Schauspielerin Renee Zellweger sprach mit einem Reporter des Boston Globe darüber, "wie die öffentliche Meinung durch das manipuliert wird, was man uns erzählt. Man sieht es immer, besonders jetzt … Der gute Wille des amerikanischen Volkes wird manipuliert. Es sträuben sich mir die Haare … So werde ich dieses Jahr wahrscheinlich ins Gefängnis gehen!"

Rapsänger haben sich über Krieg geäußert, über Ungerechtigkeit. Der Rapper Mr. Lif sagt: "Ich denke, dass die Leute auf Urlaub waren und wir jetzt endlich aufwachen müssen. Wir müssen uns unsere Ökonomie, Sozial- und Außenpolitik angucken und uns nicht dazu übertölpeln lassen, das Gespinst zu glauben, das uns Medien und Regierung vorsetzen."

Im Cartoon "The Boondocks", das täglich 20 Mio. Leser erreicht, lässt der Zeichner Aaron Magruder seinen Protagonisten, einen schwarzen Jugendlichen namens Huey Freedman, sagen: "In diesen Zeiten des Krieges gegen Osama bin Laden und das unterdrückende Talibanregime sind wir dankbar, dass UNSER Führer kein verzogener Sohn eines einflussreichen Politikers aus einer reichen Ölfamilie ist, der durch religiöse Fundamentalisten unterstützt wird, mittels geheimer Organisationen operiert, keinen Respekt für den demokratischen Wahlprozess aufweist, Unschuldige bombardiert und Krieg dazu verwendet, die zivilen Freiheiten der Menschen einzuschränken. Amen."

Die Stimmen werden sich vervielfachen. Die Aktionen von Mahnwaffen bis zu zivilem Ungehorsam (drei Nonnen sehen langen Gefängnisstrafen entgegen, weil sie ihr Blut über ein Raketensilo in Colorado verschütteten) werden sich vervielfachen.

Wenn Bush einen Krieg beginnt, wird er die Verantwortung für die verlorenen Leben, die verkrüppelten Kinder, die Terrorisierung von Millionen normaler Menschen, die nicht wieder heimgekehrten amerikanischen Soldaten tragen. Und wir alle werden Verantwortung dafür tragen, das alles zu einem Halt zu bringen.

Menschen, die keinen Respekt für Menschenleben oder Freiheit oder Gerechtigkeit haben, haben dieses unser schönes Land übernommen. Es ist am amerikanischen Volk, es sich zurückzunehmen.

Quelle: ZMAG

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