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IPPNW: Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren „Krieg gegen den Terror“ – Irak, Afghanistan, Pakistan

Einleitung des Herausgebers

Jens Wagner


Auch in der Friedensbewegung besteht Unklarheit darüber, welche Zerstörungen durch moderne asymmetrische Kriege angerichtet werden und welche humanitären und gesellschaftlichen Konsequenzen die politischen Entscheidungen für Kriegseinsätze tatsächlich mit sich bringen. Unklarheit bezüglich der Dimension der Zerstörung entsteht hauptsächlich dadurch, dass eine umfassende Schadensbeurteilung von Seiten der westlichen Kriegsparteien und ihrer Medien verhindert wird und es in den Ländern, in denen der Krieg geführt wird, wegen der zerstörten Infrastruktur kaum möglich ist, an solide Informationen zu gelangen, noch sie international zu publizieren.

In der Debatte um Opferzahlen liegen vor allem zwei wesentliche Fallen verborgen.

Die erste Falle besteht in der Annahme, dass moderne Interventionskriege prinzipiell notwendig und gerechtfertigt sind. Die daraus folgende Logik bedingt, dass getötete feindliche Soldaten oder Kombattanten nicht zu den Kriegsopfern in der Verantwortung der Interventionisten zählen, sondern die Regierung des besetzten Landes für ihren Tod verantwortlich ist. Auch Bürgerkriegsopfer in Folge der Intervention werden meistens nicht als Kriegsopfer geführt, sondern der immanenten Gewalttätigkeit der Bürger des besetzten Landes zugerechnet. Wer in diese Falle tappt, ist bereits Teil des Interventionsmechanismus und seiner falschen Legitimation.

Die Analyse der politischen Vorgänge zeigt eindeutig, dass die Entscheidung für Interventionskriege auf Seiten der Interventionisten getroffen werden und ihnen deshalb die primäre Verantwortung für die resultierenden Opfer auf beiden Seiten zukommt. Zu den Opfern eines Interventionskrieges zählen: Soldaten beider Seiten, Kombattanten, Opfer eines vorher nicht bestehenden Bürgerkrieges und Opfer der Zerstörung der Zivilgesellschaft und Infrastruktur, einschließlich medizinischer Minderversorgung und Mangelernährung. Die Umdeklarierung der Kriegsopfer ist eine Ablenkungstaktik, der man auf keinen Fall aufsitzen sollte. Eine genaue Betrachtung der Opferzahlen wird in der öffentlichen Debatte streng vermieden, weil dann jede humanitäre, demokratische und sicherheitspolitische Kriegsbegründung hinfällig würde, wie man es am Beispiel Irak und Afghanistan gut demonstrieren kann.

Ganz entgegen der weit verbreiteten Ansicht, eine Zählung von Kriegstoten sei unmöglich, gibt es für die definierte Bestimmung der Opferzahlen auf Seiten der besetzten Nationen eine medizinisch-mathematische Größe, nämlich den Anstieg der Sterblichkeit in der Gesamtbevölkerung vor und während, bzw. nach einer Militärintervention. In der Änderung der Sterblichkeit sind alle Opfer enthalten, die durch die näheren und weiteren Umstände des Krieges zusätzlich zum „Normalzustand“ des jeweiligen Landes getötet werden. Obwohl diese Definition noch Ungenauigkeiten enthält ist sie eine epidemiologische Größe, die mit standardisierten statistischen Methoden ermittelt werden kann.

Eine weitere Falle besteht darin, dass Opferzahlen während laufender Kriegshandlungen ganz überwiegend mittels sogenannter passiver Methoden zustande kommen. Darunter versteht man die Auswertung diverser zugänglicher Informationen über Kriegsopfer wie z.B. Agenturmeldungen, Krankenhausregister oder Polizeiprotokollen [aus Quellen also, die für eine repräsentative Zählung von Kriegsopfern nicht ausgelegt sind]. Im Unterschied dazu wird bei aktiven Methoden durch Nachforschungen vor Ort versucht, alle Opfer eines Gebietes zu erfassen, z.B. durch Befragung von Familien nach getöteten Angehörigen. (Siehe Kap. 1 Realistische Schätzungen durch repräsentative Umfragen)

Mit passiven Erhebungen können in einem Kriegsgebiet naturgemäß immer nur einen Bruchteil der tatsächlichen Vorkommnisse erfasst werden. Die Kluft zwischen tatsächlichen Opferzahlen und denen aus passiven Erhebungen wird umso größer, je weniger gesellschaftliche und staatliche Infrastruktur vorhanden ist. In Kriegsgebieten mit zerstörter oder nicht vorhandener Infrastruktur kann dies zu einer sehr hohen Dunkelziffer führen. In Kundus beispielsweise meldete Oberst Klein nach einem von ihm veranlassten Bombardement eines Tanklasters zunächst 56 getötete Kombattanten, also keine getöteten Zivilisten. Nach Luftangriffen bleibt es meist bei einer solchen Meldung und derartige Zahlen gehen in passive Zählungen ein. Die Untersuchung des Vorfalles vor dem Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages ergab, dass tatsächlich mehr als 100 Zivilisten getötet wurden, viele davon Kinder.

Passiv gewonnene Zahlen werden im öffentlichen Diskurs überwiegend als Gesamtzahlen von Kriegsopfern verwendet. Dabei repräsentieren solche Zahlen, bei denen es sich tatsächlich um Mindestangaben handelt, die Lage vor Ort auf keinen Fall. Diese Verwechslung wird wissentlich und unwissentlich ausgenutzt, und sogar Kriegsgegner sitzen diesem Irrtum auf. Regierungspublikationen und regierungsnahe Organisationen geben erwartungsgemäß nur Zahlen heraus, die sich absolut nicht verleugnen lassen. Wenn man der tatsächlichen Anzahl von Kriegsopfern auf die Spur kommen will, muss man aktiv nach ihnen suchen, so wie es in der von der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlichten Studie von 2006 im Irak getan wurde.(2)

Die Auseinandersetzung um Opferzahlen ist ein Kampf um die Zustimmung der Bevölkerung zum Krieg. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Medien und sogar Universitäten nur eine einseitige Sichtweise wiedergeben. (Siehe Kapitel 3: Zahlenkrieg) In einer Umfrage im Jahr 2007 schätzten US Amerikaner die Anzahl der getöteten Iraker auf weniger als 10.000.(3)

Sollten bis heute jedoch 1,5 Millionen Iraker durch die US Invasion umgekommen sein, wovon man der Sachlage entsprechend ausgehen muss, so sind dies 5% der Bevölkerung des Irak mit entsprechenden Schäden für Gesellschaft und Infrastruktur. Derartige Zahlen werden nur vorstellbar, wenn man sie in Beziehung setzt: Deutschland hat im 2. Weltkrieg etwa 10% seiner Bevölkerung verloren.

Eine Übertreibung von Opferzahlen gilt im öffentlichen Diskurs als unredlich. Passive Erhebungen für eine Beschreibung der gesamten Opferzahl heranzuziehen, ist jedoch gängige Praxis, an der sich scheinbar niemand stört. Man will hier offensichtlich auf einem Auge blind sein. Zudem wird den Kritikern von Militärinterventionen gerne verübelt, Tote und Verletzte gegeneinander aufzurechnen, wobei genau dies in der öffentlichen und politischen Begründung von militärischen Interventionen, verbrämt als „Kosten- Nutzen Analyse“, immer eine zentrale Rolle spielt, ob nun explizit oder implizit.

Die viel beschworenen Präzisionswaffen ändern nichts am hohen Prozentsatz getöteter Zivilisten in asymmetrischen Kriegen, da moderne Waffen stetig an Tötungspotential -„lethal force“- gewonnen haben und „Präzision“ ohne Bedeutung ist, wenn nach dem Motto: „Erst schießen, dann fragen“ verfahren wird. Ziel dieser Taktik ist es, das Risiko für die eigenen Soldaten so gering wie möglich zu halten, was in der unweigerlichen Spirale der Gewalt auf eben genanntes Motto hinausläuft. Die Informationslage, nach der Luftschläge oder4 Drohneneinsätze durchgeführt werden ist so  schlecht, wie es bei der Zusammenarbeit mit dubiosen Informanten und Warlords nicht anders zu erwarten ist. Bombardierungen von Hochzeitsgesellschaften und Begräbnissen, sowie von Ältestenversammlungen sind Beispiele für die Realität der „Informationsbeschaffung“.

Die im Wikileaks-Video "Collateral Murder" dokumentierte Ermordung von Zivilisten im Irak und der Fall Kundus sind nur deshalb Ausnahmen, weil hier der Alltag des Krieges ans Tageslicht kommt. Willkürliche Kriegsanlässe, der Einsatz von Phosphorbomben, Streumunition, DIMEund
Uranmunition, MK77-Napalm, Aerosolbomben, das brutale Vorgehen der Besatzungstruppen in Fallujah, Basrah, Kerbela, Bhagdad, Najaf, Samarra,
Mosul, Baquba, Tikrit, Ramadi, der Einsatz von schießwütigen Söldnertruppen im Irak und Afghanistan, das Massaker an sich ergebenden Taliban bei Masari- Scharif, die willkürliche Zerstörung der Kulturgüter im Irak, die Foltergefängnisse Abu Graib und Bagram sprechen eine  unmissverständliche Sprache.

Auch Tötungen, die gezielt stattfinden – zugleich aber ohne Rechtsgrundlage (deren Fehlen vom Sonderberichterstatter des UN-Generalsekretärs seit Jahren moniert wird), tragen nicht zur Humanisierung des Krieges bei, sondern zu seiner Barbarisierung. Darüber hinaus auch zur Störung des friedlichen Zusammenlebens der Völker weltweit, weil sie das Töten nach Gutdünken zur Norm erheben und den Glauben an ein universell gültiges Recht untergraben.

Es ist auffallend, wie leicht heute Entscheidungen für Interventionskriege von Politikern getroffen und abgesegnet werden, bei denen sich lediglich die Frage stellt, ob ihre Realitätsferne, ihre Treue gegenüber dem militärischindustriellen Komplex, ihre Einfältigkeit bezüglich erlogener Kriegsanlässe oder ihre Desinformation sie mehr auszeichnen. Die Erfahrung lehrt, dass man aus der Spirale der Gewalt nicht aussteigen kann und die ausgeübte Gewalt meist in Form eines entfesselten Bürgerkrieges, auch nach Abzug von Interventionstruppen, weiterbesteht. Ein humanitäres Ziel solcher Einsätze ist Blendwerk. Die Bevölkerung lässt sich dabei offensichtlich weniger vom rotierenden Karussell der Kriegsanlässe ablenken, als die Politiker selbst, wie man am Beispiel Afghanistan zeigen kann. Insbesondere die Interventionsfolgen und Opferzahlen werden gerne geschönt dargestellt oder ignoriert.

Hier setzt die IPPNW an und hat drei Autoren gebeten, zu den Kriegstoten der großen Kriegsszenarien, die unter der Überschrift „Krieg gegen den Terror“ begonnen wurden, Stellung zu nehmen. Die drei Länder Irak, Afghanistan und Pakistan wurde gewählt, weil deutlich werden soll, welche Schäden unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung angerichtet werden. Natürlich gehören Somalia und Jemen auch in eine solche Untersuchung, aber dort ist die Datenlage noch dünner als in Afghanistan oder in Pakistan.

Deutlich muss gesagt werden, dass der „Krieg gegen den Terror‘‘ in weiten Teilen ein Mythos ist, der als Legitimation für zugrundeliegende imperiale, neokoloniale, neoliberale und hegemoniale Strategien des Westens dient.

Terrorismus wird vor allem durch die verschiedenen Formen des Interventionismus installiert, verstärkt und hervorgerufen. Der Mythos der Terrorismus ist dabei unhinterfragter Bestandteil einer Politik, die Militärinterventionen vordergründig mit pragmatischen Argumenten begründet — pragmatische Argumente auf der Basis absichtlich und unabsichtlich falscher Voraussetzungen.

Joachim Guilliard wird sich mit dem „Body Count“, den „Löchrigen Datenbanken“ und dem „Zahlenkrieg“ im Irak beschäftigen, Lühr Henken zieht eine Bilanz des NATO-Krieges in Afghanistan und Pakistan und schätzt die Zahl der Kriegstoten in Afghanistan und Knut Mellenthin gibt eine Übersicht über die Kriegsopfer des „War on Terror“ in Pakistan.


Vollständiger Bericht (PDF)

Quelle: IPPNW

 

 

2 http://mit.edu/humancostiraq/reports/human-cost-war-101106.pdf
3 http://www.huffingtonpost.com/huff-wires/20070224/death-in-iraq-ap-poll/
 

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