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James Petras: Die Politik der Sprache und die Sprache der politischen Regression

Den Originalartikel von Prof. James Petras in englischer Sprache finden Sie auch auf dieser Homepage. Hier ist Teil 1 der  deutschen Übersetzung von Einar Schlereth http://einarschlereth.blogspot.de/2012/05/die-politik-der-sprache-und-die-sprache.html

 

James Petras http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=31018

24. Mai 2012

Der Kapitalismus und seine Verteidiger bewahren die Herrschaft durch die ihnen zur Verfügung stehenden „materiellen Ressourcen“, insbesondere den Staatsapparat, und ihre produktiven, finanziellen und kommerziellen Unternehmen und auch durch die Manipulation des Bewusstseins des Volkes via Ideologen, Journalisten, Akademiker und Publizisten, die Argumente und die Sprache bereitstellen, um die Themen des Tages zu gestalten.

Heute haben sich die materiellen Bedingungen der großen Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung stark verschlechtert, da die Kapitalistenklasse die gesamte Last der Krise und die Rückgewinnung ihrer Profite auf den Rücken der Lohn und Gehalt beziehenden Klassen gewälzt hat. Einer der verblüffenden Aspekte dieses Zurückschraubens des Lebensstandards ist die Abwesenheit größerer sozialer Unruhen bisher. Griechenland und Spanien mit über 50% Arbeitslosigkeit der 16-24-jährigen und beinahe 25% der allgemeinen Arbeitslosigkeit haben ein Dutzend General-Streiks erlebt und zahlreiche nationale Proteste mit vielen Millionen Teilnehmern; aber dies konnte nicht eine echte Veränderung des Regimes oder der Politik bewirken. Die Massenentlassungen, die schmerzhaften Lohn-, Gehalt-, Pensions- und Sozialkürzungen gehen weiter. In anderen Ländern wie Italien, Frankreich und England finden Proteste und Unzufriedenheit auf der Wahlebene statt, wobei die Machthabenden abgewählt und durch die traditionelle Opposition ersetzt werden. Doch in dem ganzen sozialen Tumult und der tiefen sozio-ökonomische Erosion der Lebens- und Arbeitsbedingungen ist die herrschende Ideologie zur Informierung der Bewegungen, der Gewerkschaften und der politischen Opposition reformistisch: Es ergehen Aufrufe, die bestehenden sozialen Leistungen zu verteidigen, die öffentlichen Ausgaben und Investitionen zu erhöhen und die Rolle des Staates auszuweiten, wo die Aktivitäten des privaten Sektors versagten zu investieren oder anzustellen. Mit anderen Worten, die Linke schlägt vor, eine Vergangenheit zu bewahren, wo der Kapitalismus vor den Wohlfahrtsstaat geschirrt war.

Das Problem ist, dass dieser „Kapitalismus der Vergangenheit“ verschwunden ist und ein neuer, bösartigerer und unversöhnlicherer Kapitalismus aufgetaucht ist, der einen neuen weltweiten Rahmen schafft und einen mächtigen, fest verwurzelten Staatsapparat, immun gegen alle Forderungen nach „Reformen“ und Neuorientierung. Die Verwirrung, Frustration und Irreführung der Massenopposition des Volkes ist zum Teil der Übernahme der Konzepte und Sprache der kapitalistischen Gegner durch linke Schriftsteller, Journalisten und Akademiker geschuldet: Eine Sprache, darauf abgesehen, die wahren sozialen Beziehungen der brutalen Ausbeutung zu verwischen, die zentrale Rolle der herrschenden Klasse bei der Rückgängigmachung sozialer Gewinne und die engen Bindungen der Kapitalistenklasse mit dem Staat. Kapitalistische Publizisten, Akademiker und Journalisten haben eine ganze Litanei von Konzepten und Begriffen ausgearbeitet, mit der die kapitalistische Herrschaft aufrechterhalten und seine Kritiker und Opfer von den Verursachern ihres steilen Absturzes in die Massenverarmung abgelenkt werden. Selbst wenn sie ihre Kritik und Anklagen formulieren, benutzen die Kritiker des Kapitalismus die Sprache und Konzepte seiner Apologeten. Sobald die Sprache des Kapitalismus der Umgangssprache der Linken einverleibt ist, hat die Klasse der Kapitalisten die Hegemonie oder Herrschaft über ihre früheren Gegner gewonnen. Schlimmer, die Linke, indem sie einige der grundlegenden Konzepte des Kapitalismus mit scharfer Kritik verbindet, schafft die Illusionen über die Möglichkeit der Reformierung „des Marktes“ zum Wohle des Volkes. Dies verhindert, die sozialen Hauptkräfte zu identifizieren, die von den Kommandobrücken der Wirtschaft vertrieben werden müssen sowie den Imperativ, den klassenbeherrschten Staat aufzulösen. Während die Linke die kapitalistische Krise und die staatlichen Rettungspakete verurteilt, unterminiert ihre Denkarmut die Entwicklung politischer Massenaktion. In diesem Kontext wird die „Sprache“ der Vernebelung eine „materielle Kraft“ resp. ein Vehikel der kapitalistischen Macht, dessen Hauptaufgabe es ist, ihre anti- kapitalistischen und Arbeitergegner zu desorientieren und zu entwaffnen. Sie tut es, indem sie die intellektuellen Kritiker kooptiert durch Benutzung der Begriffe, des konzeptuellen Rahmens und der Sprache, von denen die Diskussion der kapitalistischen Krise beherrscht wird.

Schlüsseleuphemismen im Dienst der Kapitalistenoffensive

Euphemismus hat eine doppelte Bedeutung: Was Begriffe suggerieren und was sie wirklich bedeuten. Euphemistische Konzeptionen unter dem Kapitalismus suggerieren eine günstige Realität oder akzeptables Verhalten und Aktivität, die nichts mit der Vergrößerung des Reichtums der Elite und der Konzentration der Macht und Privilegien zu tun hat. Euphemismen verhüllen den Drang der Machteliten, klassenspezifische Maßnahmen durchzusetzen und zu unterdrücken, ohne dass sie ordentlich identifiziert, verantwortlich gemacht und durch Massenaktionen des Volkes bekämpft werden.

Der gängigste Euphemismus ist der Begriff „Markt“, der mit menschlichen Charakteristika und Macht ausgestattet ist. Als solcher wird uns erzählt, dass „der Markt  Lohnkürzung verlangt“, völlig abgelöst von der Kapitalistenklasse. Märkte, der Austausch von Waren oder das Kaufen und Verkaufen von Gütern haben seit Jahrtausenden in verschiedenen sozialen Systemen in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen existiert. Sie sind global, national, regional und lokal gewesen. Sie umfassen verschiedene sozio-ökonomische Akteure und sehr unterschiedliche ökonomische Einheiten, die von riesigen staatlich geförderten Handelshäusern bis zur semi-Subsistenzwirtschaft und Bauerndörfern und Marktflecken reichen. „Märkte“ existierten in allen komplexen Gesellschaften: der Sklaven-, Feudal- und der Merkantilgesellschaft und den frühen und späten Konkurrenz- und Monopol-Industrie- und Finanz-Kapitalismus-Gesellschaften Wenn man „Märkte“ diskutiert und analysiert und den Transaktionen einen Sinn geben will (wer gewinnt und wer verliert), dann muss man deutlich die wichtigsten sozialen Klassen identifizieren, die diese ökonomischen Transaktionen beherrschen. Im allgemeinen über „Märkte“ zu schreiben ist betrügerisch, weil Märkte nicht unabhängig von sozialen Relationen existieren, die bestimmt werden von dem, was produziert und verkauft wird, wie es produziert wird und welche Klassenkonfiguration das Verhalten der Produzenten, Verkäufer und der Arbeit bestimmt. Die heutige Marktrealität wird von gigantischen multi-nationalen Banken und Unternehmen definiert, die die Arbeits- und Warenmärkte beherrschen. Von „Märkten“ zu schreiben, als ob sie in einer Sphäre über und jenseits der brutalen Klassenungleichheiten operierten, heisst das Wesen der zeigenössischen Klassenrelationen zu verbergen.

Grundlegend für jedwedes Verständnis, aber in der zeitgenössischen Diskussion außer Acht gelassen, ist die uneingeschränkte Macht der kapitalistischen Besitzer der Produktions- und Verteilermittel, das kapitalistische Eigentum an der Reklame, die kapitalistischen Banker, die Kredite geben oder verweigern und die von Kapitalisten ernannten Staatsbeamten, die Börsen-Beziehungen „regulieren“ oder entregulieren. Die Ergebnisse ihrer Politik werden euphemistisch den „Markt“-Forderungen zugeschrieben, der von der brutalen Realität getennt zu sein scheint. Deshalb, wie die Propagandisten implizieren, gegen den „Markt“ anzugehen, heisst sich dem Austausch der Waren zu widersetzen: Das ist offenbarer Unsinn. Im Gegenteil, die kapitalistischen Anforderungen an die Arbeit, einschließlich Reduzierung der Löhne, Wohlfahrt und Sicherheit, zu identifizieren, heisst eine spezifische ausbeuterische Form des Marktverhaltens zu konfrontieren, wo Kapitalisten versuchen, höhere Profite zu machen gegen die Interessen und das Wohlergehen der Mehrheit der Lohn- und Gehaltempfänger.

Indem man die ausbeuterischen Marktbeziehungen im Kapitalismus mit Märkten im allgemeinen verbindet, erreichen die Ideologen mehrere Ergebnisse: Sie verhüllen die Hauptrolle der Kapitalisten, indem sie eine Institution mit positiven Begriffsinhalten verknüpfen, d. h. einen „Markt“, wo Leute Waren erwerben und sich mit Freunden und Bekannten „treffen“. Mit anderen Worten, wenn „der Markt“, der als ein Freund und Wohltäter der Gesellschaft dargestellt wird, eine schmerzhafte Politik erzwingt, dann ist es sicher zum Wohle der Gemeinschaft. Zumindest ist es das, was die Geschäftspropagandisten die Öffentlichkeit glauben machen wollen, indem sie das tugendhafte Bild vom „Markt“ zeichnen; sie verhüllen das räuberische Verhalten des Kapitals bei der Jagd nach größeren Profiten.

Einer der gewöhnlichsten Euphemismen, die mitten in der Wirtschaftskrise angeführt wird, ist „Enthaltsamkeit“, ein Begriff, der zur Vernebelung der herben Realitäten von drakonischen Kürzungen von Löhnen, Gehältern, Pensionen und öffentlicher Wohlfahrt und dem steilen Ansteigen der regressiven Steuern benutzt wird. „Enthaltsamkeit“ bemisst eine gemeine Politik, staatliche Zuschüsse zum Schutz und sogar Vermehrung für das big business und schafft höhere Profite für das Kapital und größere Ungleichheit zwischen den 10% an der Spitze und den unteren 90%. „Enthaltsamkeit“ impliziert Selbst-Disziplin, Einfachheit, Wirtschaftlichkeit, Sparen, Verantwortung, Grenzen für Luxus und Ausgaben, Vermeidung von sofortiger Gratifikation für künftige Sicherheit, – eine Art kollektiver Kalvinismus. Man verbindet damit geteilte Opfer heute für künftige Wohlfahrt aller.

Jedoch in der Praxis beschreibt „Enthaltsamkeit“ eine Politik, die von der Finanzelite entwickelt wurde, um klassenspezifische Kürzungen des Lebensstandards und der Sozialleistungen (für Gesundheit und Erziehung) für die Arbeiter und Angestellten zu erzwingen. Es bedeutet, dass öffentliche Gelder in noch größerem Ausmaß abgezweigt werden können, um hohe Zinsen an reiche Aktienbesitzer zu zahlen, und die Politik den Diktaten der Herren des Finanzkapitals zu unterwerfen.

 

Teil 2 der Übersetzung von Einar Schlereth http://einarschlereth.blogspot.com/2012/05/die-politik-der-sprache-und-die-sprache_28.html

Statt von „Enthaltsamkeit“ in seiner Verbindung mit harter Selbst-Disziplin zu sprechen, sollten die Linken sie deutlich als Politik der herrschenden Klassen gegen die Arbeiter- und Angestellten-Klassen beschreiben, die Ungleichheit und noch mehr Reichtum und Macht an der Spitze erzeugt. „Enthaltsamkeit“-Politik ist daher ein Ausdruck dafür, wie die herrschenden Klassen den Staat benutzen, um die Last der Kosten ihrer Wirtschaftskrise auf die Arbeiterklasse zu wälzen.

Die Ideologen der herrschenden Klassen kooptierten Konzepte und Begriffe, die von der Linken ursprünglich benutzt wurden, um Verbesserungen des Lebensstandards voranzubringen, und stellten sie auf den Kopf. Zwei dieser Euphemismen, die von der Linken übernommen wurden, sind „Reform“ und „strukturelle Anpassung“.

„Reform“ bezog sich jahrhundertelang auf Veränderungen, die Ungleichheiten verminderten und die Vertretung des Volkes stärkten. „Reformen“ waren positive Veränderungen, die öffentliche Wohlfahrt beförderten und den Missbrauch der Macht durch oligarchische oder plutokratische Regime einschränkten. In den vergangenen drei Jahrzehnten jedoch haben führende akademische Ökonomen, Journalisten und internationale Bank-Beamte die Bedeutung von „Reform“ in das Gegenteil verwandelt: sie bezieht sich jetzt auf Beseitigung der Arbeiter-Rechte, das Ende der öffentlichen Regulierung des Kapitals und die Beschneidung öffentlicher Subsidien, die Nahrung und Treibstoff für die Armen erschwinglich machen. Im heutigen Vokabular der Kapitalisten bedeutet „Reform“ die Umkehr der progressiven Veränderungen und die Wiederherstellung der Privilegien der privaten Monopole. „Reform“ bedeutet das Ende der Job-Sicherheit und Erleichterung massiver Entlassungen von Arbeitern, indem Abfindungen herabgesetzt oder beseitigt werden. „Reform“ bedeutet nicht mehr positive soziale Veränderungen; sie bedeutet jetzt die Rückgängigmachung der hart erkämpften Veränderungen und die Wiederherstellung der unumschränkten Macht des Kapitals. Sie bedeutet eine Rückkehr zur früheren und brutalsten Phase des Kapitals, bevor die Arbeiterorganisationen bestanden und als der Klassenkampf unterdrückt wurde. Doch nun meint „Reform“ Wiederherstellung der Privilegien, der Macht und des Profits für die Reichen.

In ähnlicher Weise haben die linguistischen Kurtisanen des Ökonomieberufs den Begriff „strukturell“ übernommen wie etwa in „strukturelle Anpassung“, um der ungezügelten Macht des Kapitals zu dienen. Noch in den 70-er Jahren bezog sich „strukturelle“ Veränderung auf Umverteilung von Land von den Großgrundbesitzern auf die Landlosen; eine Verschiebung der Macht der Plutokraten auf das Volk. „Strukturen“ bezogen sich auf die Organisation der konzentrierten privaten Macht im Staat und der Wirtschaft. Heute jedoch bezieht sich „Struktur“ auf die öffentlichen Institutionen und die öffentliche Politik, die aus den Arbeiter- und Bürgerkämpfen hervorgingen, um soziale Sicherheit herbeizuführen, um die Wohlfahrt, Gesundheit und Altersversorgung zu schützen. „Strukturelle Veränderungen“ sind jetzt ein Euphemismus für die Zerschlagung der öffentlichen Institutionen, die Beendigung der Beschränkungen des räuberischen Betragens des Kapitals und die Zerstörung der Möglichkeit der Arbeiter zu verhandeln und für ihre sozialen Fortschrite zu kämpfen oder sie zu erhalten.

Der Begriff „Anpassung“ wie in „struktureller Anpassung“ ist an sich ein nichtssagender Euphemismus, der Feinabstimmung impliziert, die sorgfältige Regulierung öffentlicher Institutionen und Politik in Richtung Gesundheit und Balance. Aber in Wirklichkeit stellt „strukturelle Anpassung“ eine frontale Attacke gegen den öffentlichen Sektor dar und eine komplette Beseitigung der Schutzgesetze und öffentlichen Behörden, die zum Schutz der Arbeit, der Umwelt und der Verbraucher eingerichtet wurden. „Strukturelle Anpassung“ verdeckt einen systematischen Sturm auf den Lebensstandard des Volkes zum Wohle der Kapitalistenklasse.

Die Kapitalistenklasse hat eine Bande von Ökonomen und Journalisten herangezüchtet, die brutale Politik in harmlose, ausweichende und betrügerische Sprache kleiden, um die Opposition des Volkes zu neutralisieren. Zu allem Unglück neigen viele der „linken“ Kritiker dazu, sich auf dieselbe Terminologie zu stützen.

In Anbetracht der weit verbreiteten Korruption der Sprache, so durchgängig in den jetzigen Diskussionen über die Krise des Kapitalismus, sollte die Linke aufhören, sich auf diese verlogene Euphemismen zu stützen, die von der herrschenden Klasse übernommen wurden. Es ist frustrierend zu sehen, wie leicht die folgenden Begriffe in unsere Diskussion sich einschleichen:

Marktdisziplin  Der Euphemismus „Disziplin“ lässt an ernste, bewusste Charakterstärke angesichts der Herausforderungen denken im Gegensatz zu unverantwortlichem, realitätsfernem Verhalten. In Wirklichkeit, bezieht es sich in Verbindung mit „Markt“ auf Kapitalisten, die sich an arbeitslosen Arbeitern schadlos halten und die übrigen Angestellten einschüchtern zu mehr Ausbeutung und Überstunden, wobei mehr Profit für geringere Kosten erzeugt wird. Es verhüllt auch die Fähigkeit der kapitalistischen Oberherren, ihre Profitrate zu erhöhen, indem sie die sozialen Kosten der Produktion, wie Arbeiter- und Umwelt-Schutz, Krankenkasse und Pensionen beseitigen.

„Markt-Schock“  Dies bezieht sich auf Kapitalisten, die brutale, massive und abrupte Entlassungen handhaben, Lohnkürzungen sowie Gesundheits- und Pensionspläne streichen, um die Börsennotierung zu verbessern, die Profite zu erhöhen und größeren Bonus für die Bosse herauszuschinden. Indem man den harmlosen, neutralen Begriff „Markt“ mit „Schock“ verbindet vernebeln die Apologeten des Kapitals die Identität der Verantwortlichen dieser Maßnahmen, ihre brutalen Folgen und die immensen Vorteile, die die Elite genießt.

„Markt-Forderungen“  Diese euphemistische Phrase zielt darauf ab, eine ökonomische Kategorie zu vermenschlichen, die Kritik weg von Fleisch und Blut wirklicher Machthaber zu lenken, von deren Klasseninteressen und den Arbeitern in ihrem despotischen Würgegriff. Statt „Markt-Forderungen“ sollte es heissen: „die Kapitalistenklasse befiehlt den Arbeitern, ihre Löhne und Gesundheit zu opfern, um mehr Profit für die multi-nationalen Unternehmen sicherzustellen“ – ein klares Konzept, das besser geeignet ist, den Zorn der Betroffenen zu entzünden.

„Freie Wirtschaft“  Ein Euphemismus, der aus zwei realen Konzepten geknüpft wurde: private Wirtschaft für privaten Profit und freien Wettbewerb. Indem man das dahinterliegende Bild von privatem Gewinn für die Wenigen gegen die Interessen der Vielen beseitigt, haben die Apologeten des Kapitals ein Konzept erfunden, das die inviduellen Tugenden der „Wirtschaft“ und „Freiheit“ betont im Gegensatz zu wirklichen ökonomischen Bosheiten wie Gier und Ausbeutung.

Freie Marktwirtschaft  Ein Euphemismus, der freien, fairen und gleichen Wettbewerb auf nicht regulierten Märkten impliziert und die Wirklichkeit der Marktbeherrschung durch Monopole und Oligopole schönfärbt, die von massiven staatlichen Rettungs-Paketen in kapitalistischen Krisenzeiten abhängig sind. „Frei“ bezieht sich insbesondere auf die Abwesenheit öffentlicher Regulierung und staatlicher Intervention zur Verteidigung der Arbeiter-Sicherheit und auch des Konsumenten- und Umwelt-Schutzes. Mit anderen Worten verhüllt „Freiheit“ die bewusste Zerstörung der bürgerlichen Ordnung durch Privatkapitalisten durch ungehemmte Ausübung der wirtschaftlichen und politische Macht. „Freie Marktwirtschaft“ ist der Euphemismus für die absolute Herrschaft der Kapitalisten über die Rechte und die Lebensgrundlage von Millionen Bürgern und dem Wesen nach die wahre Verweigerung von Freiheit.

„Wirtschaftliche Erholung“ Diese euphemistische Phrase meint die Erholung der Profite der riesigen Multis. Sie verhüllt die totale Abwesenheit von Erholung des Lebensstandards der Arbeiter- und Mittelklassen, die Beseitigung sozialer Zuschüsse und wirtschaftliche Verluste der Hypothekeninhaber, Schuldner, die Langzeitarbeitslosigkeit und den Bankrott kleiner Geschäftsleute. Mit dem Begriff „wirtschaftliche Erholung“ wird schöngefärbt, wie die Massenverarmung zur Schlüsselbedingung für die Erholung der Profite der Multis wurde.

„Privatisierung“  Dies umschreibt die Überführung von Unternehmen der öffentlichen Hand, gewöhnlich die profitablen, an private Großkapitalisten mit guten Beziehungen zu Preisen weit unter ihrem wahren Wert, was zum Verlust von öffentlichen Diensten führt, von stabiler öffentlicher Anstellung und höheren Konsumkosten, da die neuen privaten Besitzer die Preise hochtreiben und Arbeiter entlassen – alles im Namen eines weiteren Euphemismus – „Effizienz“.

„Effizienz“  Effizienz bezieht sich nur auf die Bilanz eines Unternehmens; sie spiegelt nicht die großen Kosten der „Privatisierung“ wider, die von anderen Sektoren der Wirtschaft getragen werden. Zum Beispiel erhöht die „Privatisierung“ des Transports die Kosten von nach- und vorgelagerten Unternehmen indem es diese weniger konkurrenzfähig macht verglichen mit der Konkurrenz anderer Länder; „Privatisierung“ beseitigt Dienstleistungen in Regionen, die weniger profitabel sind, was zum lokalen ökonomischen Kollaps und Isolation von nationalen Märkten führt. Häufig investieren öffentliche Beamte, die mit Privatkapitalisten verbandelt sind, bewusst weniger in öffentliche Unternehmen und stellen inkompetente politische Kumpel als Teil der Vetterles-Wirtschaft ein, um diese Dienste zu verschlechtern und öffentlichen Missmut zu fördern. Das schafft eine günstige öffentliche Meinung für „Privatisierung“ des Unternehmens. Mit anderen Worten ist „Privatisierung“ nicht das Ergebnis inhärenter Ineffizienz öffentlicher Unternehmen, wie die kapitalistischen Ideologen gerne behaupten, sondern eine bewusste politische Handlung, um Gewinne des Privatkapitals zu fördern auf Kosten öffentlicher Wohlfahrt.

Schlussfolgerung

Sprache, Konzepte und Euphemismen sind wichtige Waffen im Klassenkampf „von oben“, von kapitalistischen Journalisten und Ökonomen entworfen, um Reichtum und Macht des Kapitals zu fördern. In dem Maße, wie Progressive und linke Kritiker diese Euphemismen und deren Referenzrahmen übernehmen, werden die von ihnen vorgeschlagenen Kritik und die Alternativen durch die Rhetorik des Kapitals eingeengt. Euphemismen in „Anführungsstriche“ zu setzen, kann als Zeichen von Missbilligung gelten, aber das trägt nichts bei zu einem anderen analytischen Rahmen, der notwendig ist für einen erfolgreichen Klassenkampf „von unten“. Gleichermaßen bedeutend ist, dass es die Notwendigkeit  eines fundamentalen Bruchs mit dem kapitalistischen System umgeht einschließlich seiner korrupten Sprache und verlogenen Konzepte. Die Kapitalisten haben die wichtigsten Gewinne der Arbeiterklasse beseitigt und wir sind wieder unter die absolute Herrschaft des Kapitals gefallen. Dies muss erneut die Frage einer sozialistischen Umformung des Staates, der Wirtschaft und Klassenstruktur aufwerfen. Ein integraler Bestandteil dieses Prozesses muss die vollständige Zurückweisung der Euphemismen sein, die von kapitalistischen Ideologen benutzt werden und ihre systematische Ersetzung durch Begriffe und Konzepte, die wahrhaft die harte Wirklichkeit reflektieren, die deutlich die Verursacher dieses Niedergangs identifizieren und die die sozialen Akteure politischer Transformation definieren.

 

 

 

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