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Jürgen Rose: Die Medienkrieger – Teil 1

Unter dem Motto „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“ fand anlässlich des 35jährigen Bestehens des Bundesverbands Arbeiterfotografie am 21. September 2013 in Werder an der Havel eine Vortrags- und Kultur-Veranstaltung statt. Zu den Vortragenden gehörte Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr und Mitglied des Darmstädter Signals. Wir geben seinen Vortrag über die strategische Manipulation von Medien durch das US-Militär in zwei Teilen wieder – nachfolgend zunächst Teil 1.


Jürgen Rose bei seinem Vortrag in Werder am 21.9.2013
alle Fotos: arbeiterfotografie.com

Ein besonders schlagendes Beispiel dafür, welche Denkmuster hinsichtlich des elementaren Rechtes auf Freiheit der Meinungsäußerung in der politischen Klasse unseres Landes mittlerweile vorherrschen, hat vor einigen Jahren Horst Teltschik geliefert. Der damalige Spiritus Rector der Münchner (Un-)Sicherheitskonferenz entblödete sich nämlich wahrhaftig nicht, folgende Ungeheuerlichkeit in die bereitgehaltenen Mikrofone des bayerischen Rundfunks abzusondern:

[Zitat] „Es ist die Tragik der Demokratie, dass bei uns jeder seine Meinung öffentlich vertreten darf und dass man politisch Verantwortliche in einer Demokratie schützen muss. In Diktaturen würde so etwas nicht passieren.“ [Zitat Ende].

Hier hat ein führender Repräsentant der sogenannten „Strategic Community“ in einem unbedachten Moment einmal die Maske des Biedermannes fallen lassen und seine totalitäre Gesinnung ungeschminkt zum Besten gegeben.

Die wahre Tragik der Demokratie besteht indes darin, daß der feine Herr Teltschik mit dieser seiner Auffassung nur pars pro toto für eine vermeintliche politische und mediale Elite dieser Republik steht, der Rechtsbewußtsein und Gesetzestreue sowie Anstand und Moral weitgehend abhanden gekommen sind.

Bevor ich nun auf die Strategien der Medienmanipulation jenseits des Atlantiks zu sprechen komme, will ich – getreu der Maxime angesichts des Splitters im Auge des Nächsten nicht den Balken im eigenen zu übersehen – zunächst kurz die Verhältnisse hierzulande streifen. Als besonders herausragendes Beispiel hierfür mag – pars pro toto – der Stellvertretende Chefredakteur der allseits wohlbekannten Wochenzeitung Die Zeit, Bernd Ulrich, dienen.


Jürgen Rose über journalistische Schreibtischtäter

„Wir führen einen Krieg, bei dem es um das Überleben unserer Lebensweise geht. Und der Schwerpunkt dieses Kampfes liegt nicht allein auf dem Schlachtfeld. Es ist ein Test des Willens, und er wird auf dem Feld der weltweiten öffentlichen Meinung gewonnen oder verloren.“ (Donald Rumsfeld) (1)

„Media is like the weather. You have to put it in your plan.” (Media Bureau Chief, Washington 2004) (2)

Wenn politische Entscheidungsträger in Demokratien Bürger – und auch immer zahlreicher Bürgerinnen – in Kriege entsenden wollen, um in fernen Ländern, wie das der Krieg gemeinhin so mit sich bringt, andere Menschen zu töten oder zu verstümmeln und dabei gegebenenfalls selbst das gleiche Schicksal zu erleiden, dann benötigen sie für ein derartiges Unterfangen eine möglichst breite und tunlichst nicht in Zweifel zu ziehende demokratische Legitimation. Freilich ist „[i]nsbesondere in Demokratien … der Aufwand groß, mit dem man friedliche Bürger von der Notwendigkeit überzeugen muß, die Waffen aufzunehmen bzw. für die Kosten der Kampagne geradezustehen. Nur der allergarstigste Gegner kann schließlich rechtfertigen, daß man sich zu Gegenmaßnahmen entschließt, die so sehr den eigenen zivilen Werten widersprechen,“ (3) schreibt die Publizistin Cora Stephan in ihrem Buch vom „Handwerk des Krieges“.

Gerade demokratische Öffentlichkeiten, die Krieg normalerweise als illegitimes Mittel der Politik betrachten, lassen sich nur durch geschickte und überzeugende Propaganda von dessen Notwendigkeit überzeugen. Dieser Grundsatz galt bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts, wie der ehemalige Journalist George Creel wußte, der während des Ersten Weltkrieges im Auftrag der US-Regierung die Propaganda- und Zensurbehörde »Committee on Public Information« leitete. Creel hatte durch seine Tätigkeit die Überzeugung gewonnen, daß „[t]he war-will, the will-to-win, of a democracy depends upon the degree to which each one of all the people of that democracy can concentrate and consecrate body and soul and spirit in the supreme effort of service and sacrifice.” (4)

Gelingt es also einer Demokratie, diesen Willen hervorzubringen, so spricht dies in der Tat für die These der bereits genannten Cora Stephan, daß „[d]as gefährlichste Kriegsmittel … der von der Moral der Sache überzeugte Bürger in Waffen [ist].“ (5)

Mittlerweile bedarf es in den modernen Demokratien für die Entscheidung zum Krieg der Beschwörung von Menschheitsbedrohungen wie Massenvernichtungswaffen, Terrorismus oder Völkermord. Und weil dort jedwede Politik vornehmlich massenmedial vermittelt wird, kann auch die Legitimationsbeschaffung zur Kriegführung nur qua Unterstützung durch die Massenmedien erfolgen (6). Letzteren kommt die Funktion zu, einer demokratischen Öffentlichkeit jene moralisch unanfechtbare Begründung für den Krieg zu liefern, die sie begehrt. Weil sich dergestaltige Letzt-Begründungen jedoch prinzipiell nicht verfertigen lassen, mutieren Massenmedien in Kriegszeiten gleichwohl regelmäßig zur Propagandamaschine der Regierenden, die dem Wahlvolk jene Lügen liefert, nach denen es partout verlangt, wie schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges US-Senator Hiram Johnson illusionslos konstatierte. Zugleich machen sie sich dadurch zum ebenbürtigen Partner der Panzer, Flotten und Bomberverbände.


Jürgen Rose über Orwells Neusprech

Unter dem Terminus Propaganda lassen sich alle Methoden der Meinungssteuerung, Beeinflussung, Werbung, Zensur, Manipulation und Desinformation subsumieren, deren Sinn und Zweck darin besteht, eine bestimmte Haltung oder Meinung herbeizuführen oder zu unterdrücken (7). Regierung und Militär können beispielsweise Mittel der klassischen Propaganda anwenden, um in der Bevölkerung Kriegsbegeisterung herbeizuführen, aber auch Zensurmaßnahmen, um eine mögliche Anti-Kriegsstimmung zu unterbinden. „Propaganda-Techniken gehören bis heute – auch in Friedenszeiten – zum Arsenal der staatlichen und militärischen Informations- und Pressepolitik.“ (8) Die Propagandamittel sind weit gefächert; sie reichen von der Verbreitung von Schriften und Flugblattaktionen über Radio- und Fernsehsendungen, die Produktion von Werbefilmen bis hin zur Organisation von Großveranstaltungen und andere Public-Relations-Aktivitäten (9).

Besonders problematisch unter den staatlichen Propagandamaßnahmen sind die Methoden der direkten und indirekten Zensur zu bewerten (10). Mittels direkter Zensur wird der Output von Medien überwacht und gegebenenfalls unterdrückt. Herrscht in Kriegszeiten Zensur, so müssen Photos, Artikel, Hörfunkbeiträge, Fernsehreportagen etc. einer staatlichen Zensurbehörde oder militärischen Zensoren zur Freigabe vorgelegt werden. Mit indirekter Zensur wird der Input von Medien gesteuert, das heißt ihre Nachrichten-, Bild- und Recherchequellen, ihre Informanten oder ihre Bewegungsfreiheit. Speziell zählen hierzu Maßnahmen der Informationsverweigerung sowie der Zugangsverweigerung, was bis hin zur totalen Nachrichtensperre reichen kann.

Nicht weniger problematisch sind zwei weitere Methoden der Meinungssteuerung, nämlich Manipulation und Desinformation. So lassen sich beispielsweise mittels der modernen Bildverarbeitungstechniken Bilder und Bildsequenzen nahezu beliebig so manipulieren, daß beim Betrachter die gewünschten Wahrnehmungseffekte erzielt werden, ohne daß jener überhaupt eine Chance hat, dies zu erkennen. Weltweit bekannt geworden sind in diesem Zusammenhang die Bilder sogenannter „chirurgischer“ Luftangriffe mit Laserbomben und Lenkraketen während des Golfkrieges 1991, mittels derer dem Betrachter der Eindruck einer sauberen, präzise auf ausschließlich militärische Ziele beschränkten Kriegführung suggeriert werden sollte, oder auch die Attacke eines NATO-Kampfflugzeuges auf die Eisenbahnbrücke über die Grdelica-Schlucht während des NATO-Krieges gegen die Republik Jugoslawien 1999.


Angriff auf eine Eisenbahnbrücke bei Grdelica am 12.4.1999 im Rahmen des Krieges der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien (aus einem NATO-Video)

Im Verlaufe der Präsentation der von der Bordkamera des Jagdbombers aufgezeichneten Filmsequenz des Luftangriffs im Rahmen einer Pressekonferenz im Brüsseler Hauptquartier SHAPE kam unter den anwesenden Medienvertretern der Verdacht auf, dass diese absichtlich so beschleunigt worden war, daß der Eindruck entstehen mußte, der Pilot des Jagdbombers hätte keinerlei Chance gehabt, den Zielanflug abzubrechen und so zu verhindern, daß seine Lenkraketen einen just die Brücke passierenden Personenzug trafen, 20 Zivilisten töteten und 16 weitere verletzten. Zwar konnte die PR-Abteilung der NATO den Vorwurf vorsätzlicher Manipulation nachfolgend entkräften, nichtsdestoweniger illustriert der Vorgang zumindest das Manipulationspotential, welches der Umgang mit elektronischem Bildmaterial birgt.

Desinformationsmethoden gehen über Manipulationstechniken noch hinaus, indem mittels ihnen komplett erfundene Sachverhalte an ein Massenpublikum gebracht werden sollen. Eines der berühmtesten Beispiele in diesem Zusammenhang betrifft das von der Werbeagentur »Hill and Knowlton« im Auftrag der kuwaitischen Regierung lancierte Schauermärchen von den irakischen Soldaten, die während der Besetzung Kuwaits im Juli 1990 angeblich in einem Krankenhaus in Kuwait City 312 Babys aus den Brutkästen gerissen und auf den Fußboden geworfen hätten, wo sie elend umkamen (11) .


Szene vor dem Menschenrechtsausschuß des US-Kongresses, Oktober 1990

Eine von »Hill and Knowlton« entsandte vorgebliche Krankenschwester, von der sich später herausstellte, daß es sich um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA handelte, bezeugte die Wahrheit dieses Vorgangs am 10. Oktober 1990 vor dem Menschenrechtsausschuß des US-Kongresses. Am 27. November kam es zu einer audiovisuellen Präsentation im UN-Sicherheitsrat, zwei Tage später dann zur Verabschiedung der berühmten Sicherheitsratsresolution 678, mit der die UN-Mitgliedsstaaten zur gewaltsamen Befreiung Kuwaits ermächtigt wurden. Selbst »Amnesty International« und »Middle East Watch« gingen der Story auf den Leim. Und als am 12. Januar 1991 der US-Senat mit einer Mehrheit von fünf Stimmen den Kriegseinsatz der US-Streitkräfte beschloß, bezogen sich expressis verbis sechs Senatoren auf die Brutkasten-Lüge.

Gelingt im Vorfeld und im Verlauf eines Krieges mittels der aufgezeigten Mittel und Methoden der Propaganda, Zensur, Manipulation und Desinformation die erfolgreiche Gleichschaltung von Massenmedien, so ist die essentielle Voraussetzung für die Unterstützung des Streitkräfteeinsatzes seitens der Öffentlichkeit und der politischen Entscheidungsapparate erfüllt. Scheitert andererseits die Instrumentalisierung der Massenmedien zum Zwecke der Kriegspropaganda, kann selbst erdrückende militärische Überlegenheit auf dem Schlachtfeld die politische Niederlage nicht verhindern.

In Erkenntnis dieses Sachverhaltes begann mit der Intention, ein erneutes Desaster wie im Vietnam-Krieg zu vermeiden, bereits 1984 unter der Ägide des damaligen US-Verteidigungsministers Caspar Weinberger die Entwicklung neuer Kriterien für den Gebrauch militärischer Macht. Eine wesentliche Überlegung bestand darin, daß vor jedem denkbaren Streitkräfteeinsatz unbedingt die hinreichende innenpolitische Unterstützung garantiert sein müßte (12). Diese Einsicht war an sich keineswegs neu, wie die Historie der US-Kriegspropaganda vom Ersten Weltkrieg bis heute belegt (13).

Doch stellten sich angesichts der Entwicklung der Weltpolitik zusammen mit der technischen Evolution ganz neue Herausforderungen für deren praktische Umsetzung. Wie moderne Propagandaarbeit und die wirkungsvolle Gleichschaltung der wichtigsten US-Massenmedien funktionieren konnten, demonstrierte schlagend die Bush-Administration im Jahr 1990 vor dem ersten Krieg gegen den Irak und Saddam Hussein (14).

Weiterentwickelt und verfeinert wurden die Grundsätze der PR-Arbeit im Rahmen der US-Militärstrategie in der Ära Clinton vom damaligen »Chairman of the Joint Chiefs of Staff«, General Colin Powell. Auch er erachtete es als unabdingbar, vor jeder Entsendung von US-Truppen die Unterstützung hierfür seitens der Öffentlichkeit, der Medien und des Kongresses sicherzustellen. Ergänzend trat als herausragendes Kriterium hinzu, daß bei jeglichen Einsätzen unter allen Umständen das Ansehen der Streitkräfte gewahrt bleiben mußte (15). Die von Powell formulierten Kriterien gelten auch unter den folgenden US-Administrationen fort und wurden seitdem weiter verfeinert.

Diese Entwicklung spiegelt sich in einer umfangreichen Reihe von Dokumenten wider, die das Pentagon im Laufe der vergangenen Jahre herausgegeben hat. Dazu zählen unter anderem die »Joint Doctrine for Information Operations«, die »Joint Doctrine for Public Affairs« sowie die »Joint Doctrine for Civil-Military Operations« (16). Über diese Doktrinen der Vereinigten Stabschefs hinaus, die für die US-Streitkräfte insgesamt verbindlich sind, haben auch die Teilstreitkräfte eigene Vorschriften erlassen, so etwa die US Air Force (17).

Die Relevanz und Reichweite der von den US-Militärplanern ausgeklügelten Medien- und Öffentlichkeitsarbeit läßt sich besonders eindrucksvoll anhand der nach den Erfahrungen aus dem Irak-Krieg 2003 überarbeiteten »Joint Doctrine for Public Affairs« illustrieren. Dort werden als strategischen Ziele und Aufgaben genannt (18):

• „Providing Trusted Counsel to Leaders”
Dies richtet sich an die eigene Führung als Adressatengruppe. Das Aufgabenspektrum umfaßt unter anderem die Analyse des globalen Informationsumfeldes, die Voraussage von Auswirkungen militärischer Operationen auf die öffentliche Meinung sowie die Vorbereitung der militärischen Führung auf die Kommunikation mit der Öffentlichkeit durch die Medien.

• „Enhancing Morale and Readiness”
Hierbei geht es zentral darum, in den Reihen des Militärpersonals und ihrer Familienangehörigen das Verständnis für und die Identifikation mit dem Auftrag zu stärken, die Soldaten auf den Umgang mit Medienvertretern vorzubereiten, sie gegen Feindpropaganda zu immunisieren und generell allen Einflüssen entgegenzuwirken, welche die getreue Auftragserfüllung erschweren könnten.

• „Fostering Public Trust and Support”
Dieser Aspekt ist elementar bedeutsam, denn erst „der Rückhalt durch die Öffentlichkeit und den Kongreß ermöglicht den militärischen Führern die effektive Rekrutierung, Ausrüstung und Ausbildung von Streitkräften, die zur Auftragserfüllung im gesamten Spektrum militärischer Operationen befähigt sind. Wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit unterstützt eine starke nationale Verteidigung, indem sie Vertrauen in und Verständnis für den Beitrag des Militärs zur nationalen Sicherheit erzeugt. In nationalen Krisenzeiten liefert Öffentlichkeitsarbeit der amerikanischen Öffentlichkeit die Informationen, die notwendig sind, um die Rolle und den Auftrag der Streitkräfte zu verstehen. Dieses Verständnis ist unerläßlich, um die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit für Militäroperationen zu erhalten.“ (19)

• „Using Global Influence and Deterrence”
Hierbei geht es um die globale Stoßrichtung der Öffentlichkeitsarbeit des US-Militärs: “Die Befehlshaber der Vereinigten Streitkräfte sollten sich der Öffentlichkeitsarbeit bedienen, um Kommunikationsstrategien zu entwickeln und anzuwenden, welche sowohl das nationale und internationale Publikum als auch den Gegner über die Schlagkraft der US-Streitkräfte während Operationen und Übungen informiert. Jenen die militärischen Fähigkeiten sowie die Entschlossenheit der USA, diese auch anzuwenden, bewußt zu machen, kann die Unterstützung seitens der Verbündeten und befreundeter Staaten stärken sowie mögliche Gegner abschrecken. Falls Feinde nicht von einem Konflikt abgeschreckt werden können, kann die Information über die Fähigkeiten und die Entschlossenheit der USA dennoch die gegnerischen Planungen und Aktivitäten in einer für die USA vorteilhaften Weise beeinflussen.“ (20)

Noch deutlicher hinsichtlich der militärischen Bedeutung von „Public Affairs Operations“ wird die US Air Force in ihren spezifischen Doktrinen (21). So führt der Kommandeur des »Air Force Doctrine Center«, Generalmajor Bentley B. Rayburn, in seinem Vorwort zu dem »Air Force Doctrine Document 2-5.3« aus:

„America's national security rests on a strategy of full spectrum dominance supported by effects-based planning and operations. To support this full spectrum dominance, public affairs operations must be planned and conducted within an effects-based framework.“ (22)

Worum es einer effektiven Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Hinblick für die Kriegs- und Rüstungspolitik der USA in Wahrheit zu tun ist, kommt an einer anderen Stelle desselben Dokuments zum Ausdruck, wo es heißt:

„PA operations support a strong national defense – preparing the nation for conflict and war – by building and sustaining public trust and understanding of Air Force contributions to national security. These operations make Americans aware of the value of spending tax dollars on readiness, advanced weapons, training, personnel, and the associated costs of maintaining a premier air and space force.“ (23)

Noch unverhohlener hatte die US-Luftwaffe die militärische Bedeutung der „Öffentlichkeitsarbeits-Waffe“ bereits im Jahr 2002 auf den Punkt gebracht, als sie formulierte:

„As weapons in the commander’s arsenal of information operations assets, PA operations can be a force multiplier that both assesses and shapes the information environment’s effect on military operations.“ (24)

Wie die auf der Ebene der Militärstrategie rsp. der genannten Doktrinen definierten Grundsätze für die Informations-, Desinformations- und Propagandaarbeit des Pentagons in die Praxis umgesetzt werden, läßt sich empirisch eindrucksvoll am Beispiel der vor dem letzten Irakkrieg erlassenen »PUBLIC AFFAIRS GUIDANCE (PAG) ON EMBEDDING MEDIA DURING POSSIBLE FUTURE OPERATIONS/DEPLOYMENTS IN THE U.S. CENTRAL COMMANDS (CENTCOM) AREA OF RESPONSIBILITY (AOR)« vom 17. Januar 2003 (25) illustrieren. Mit dieser Richtlinie hat das Pentagon nach den unbefriedigenden Erfahrungen mit der Bildung von Kriegsberichterstatter-Pools während des Golfkrieges 1990/91 erstmals eine neue und vielversprechende Form der Informationskontrolle eingeführt (26). Diese basierte auf den positiven Erfahrungen, die im Rahmen der „Operation Anaconda“ in Afghanistan 2002 gewonnen worden waren. (27)

Die fundamentale Innovation der vor dem neuerlichen Krieg gegen Saddam Hussein ausbaldowerten PR-Strategie bestand in der sogenannten „Einbettung“, d.h. der Integration von Journalisten direkt in die kämpfende Truppe (28). Die Idee des „Embedding“ stammt von Victoria „Torie“ Clarke, die im Department of Defense der USA (DoD) als »Assistant Secretary of Defense for Public Affairs« fungiert. Zu ihrem Aufgabengebiet gehörten auch die Armeezeitung Stars & Stripes, das Armed Forces Radio und andere militärpublizistische Erzeugnisse (29). Gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Bryan Whitman, einem ehemaligen Offizier der US-Army, definierte sie die strategischen Leitgedanken des Embedding-Projekts, nämlich:

• ‘to neutralize the disinformation efforts of our adversaries,
• to build and maintain support for U.S. policy as well as the global war on
  terrorism,
• to take offensive action to achieve information dominance,
• to be able to demonstrate the professionalism of the U.S. military,
• to build and maintain support for the war fighter out there on the ground.’(30)

Pointiert lautete das sich hinter der Idee des „Embedding“ verbergende Kalkül der PR-Spezialisten aus dem Pentagon: „Schleichende Korruption durch Nähe“(31). Der springende Punkt dabei war, daß die Medienvertreter zuvor einen Katalog vorgegebener Grundregeln für die Berichterstattung – das sogenannte »CFLCC Ground Rules Agreement« (32) – unterzeichnen mußten. Dabei handelte es sich um ein äußerst ausgeklügeltes System von Auflagen und Offerten für die betroffenen Journalisten und ihre Berichterstattung, das der alterprobten Maxime „do, ut des“ folgte (33) und zugleich günstigste Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Manipulation und Korrumpierung der Kriegsberichterstattung im von der US-Administration erwünschten Sinne schaffte.

Auf diese Weise sollten Reporter zu „cheerleaders for the military“ (34) rsp. „tour guides for war“ (35) umfunktioniert werden. Darüber hinaus wurden in Konkurrenz zu den kommerziellen Medien noch sogenannte »Joint Tactical Information Cells« installiert, deren „Mediensoldaten“ mit Hilfe modernster Satelliten-Technologie eigene Text- und Bildberichte über den Kriegsverlauf versenden konnten, was den unschätzbaren Vorteil der Exklusivität sicherte (36). Geliefert wurden solche Berichte u.a. von sogenannten »Combat Camera Teams«, welche die US-Streitkräfte schon seit längerem unterhalten und die für die visuelle Dokumentation des Krieges sorgen sollen. Deren Aufnahmen finden auch als Teil der Media-Kits Verwendung, mit denen Journalisten auf Pressekonferenzen versorgt werden (37). (PK)

Empfehlung:

Jürgen Rose
Ernstfall Angriffskrieg. Frieden schaffen mit aller Gewalt?
Taschenbuch, 268 Seiten, Verlag Ossietzky 2009, 20 Euro

Fussnoten:

1 Rumsfeld, Donald: Warum Nachrichten Waffen sind. Demokratien müssen die Kommunikationsplanung zu einem festen Bestandteil im Kampf gegen den Terror machen, in: Die Welt, 06. März 2006, S.30.

2 Vgl. Shepard, Alicia C.: Narrowing the Gap. Military, Media and the Iraq War, Cantigny Conference Series, Conference Report, published by Robert R. McCormick Tribune Foundation, Chicago, Illinois 2004, S.76.

3 Stephan, Cora: Das Handwerk des Krieges, Berlin 1998, S.157.

4 Creel, George: George Creel on Selling the War (1920); im Internet unter: http://web.mala.bc.ca/ davies/H482.WWI/Creel.SellingWar.1920.htm [18.06.2006]. Vgl. auch Elter, Andreas: a.a.O. (Fußnote 7), S.28.

5 Stephan, Cora: a.a.O., S.258.

6 Vgl. hierzu Kladzinski, Magdalena: Zum komplexen Verhältnis von Krieg, Politik und Militär in Demokratien, in: Büttner, Christian/Gottberg, Joachim von/Kladzinski, Magdalena (Hrsg.): Krieg in Bildschirmmedien, München 2005, S. 61-83 sowie Frohloff, Astrid: Kriegsnachrichten, in: Büttner, Christian/Gottberg, Joachim von/Metze-Mangold, Verena: Der Krieg in den Medien, Frankfurt/New York 2004, S. 39-49.

7 Vgl. Elter, Andreas: Die Kriegsverkäufer. Geschichte der US-Propaganda 1917-2005, Frankfurt am Main 2005 , S.20 sowie Kladzinski, Magdalena: a.a.O., S.68.

8 Elter, Andreas: a.a.O., S.19.

9 Vgl. Elter, Andreas: a.a.O., S.19.

10 Vgl. Elter, Andreas: a.a.O., S.21 sowie Büttner, Christian/Kladzinski, Magdalena: Krieg und Medien. Zwischen Information, Inszenierung und Zensur, in: Büttner, Christian/Gottberg, Joachim von/ Kladzinski, Magdalena (Hrsg.): op. cit., S.23-36.

11 Siehe hierzu: MacArthur, John R.: Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften, München 1993 , S.56ff.

12 Vgl. Stevenson, Charles A.: The Evolving Clinton Doctrine on the Use of Force, in: Armed Forces & Society, Vol.22, No. 4, Summer 1996, p.515.

13  Zur historischen Entwicklung der Kriegspropaganda in den USA insgesamt vgl. die exzellente Abhandlung von Elter, Andreas: a.a.O.. Eine darüber noch hinausgehende Gesamtdarstellung zur Thematik der visuellen Darstellung des modernen Krieges in Photographie, Film, Fernsehen und Internet liefert Paul, Gerhard: Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges, Paderborn 2004.

14  Eindrucksvoll wird die Propagandaarbeit und die erfolgreiche Gleichschaltung der wichtigsten US-Massenmedien geschildert in: MacArthur, John R.: a.a.O..

15  Vgl. Stevenson, Charles A.: a.a.O., p.516.

16  Vgl. Joint Staff (ed.): Joint Pub 3-13 “Joint Doctrine for Information Operations”, 13 February 2006, p. II-9; im Internet unter: http://www.dtic.mil/doctrine/jel/new_pubs/jp3_13.pdf [18.06.2006]; ders.: Joint Pub 3-61 “Joint Doctrine for Public Affairs”, 9 May 2005; im Internet unter: http://www.dtic.mil/doctrine /jel/new_pubs/jp3_61.pdf
[18.06.2006]; ders.: Joint Publication 3-57 “Joint Doctrine for Civil-Military Operations”, 8 February 2001; im Internet unter: http://www.dtic.mil/doctrine/jel/new_pubs/jp3_57.pdf [18.06.2006].
Von „Public Affairs“ zu unterscheiden sind „Information Operations“. Deren Spektrum reicht weit über erstere hinaus und ist darauf gerichtet, mit allen verfügbaren Methoden der Informationskriegführung „Information Superiority“ zu erzielen. Im Hinblick auf „Public Affairs“-Aktivitäten bedeutet dies: „PA capabilities are related to IO, but PA is not an IO discipline or psychological operations (PSYOP) tool“; siehe Joint Staff (ed.): Joint Publication 3-61, a.a.O., p. xi.
Daher dienen „Public Affairs“-Aktivitäten lediglich zur Unterstützung von „Information Operations“ und müssen zu diesem Zweck „…to be integrated, coordinated, and deconflicted with IO“; vgl. Joint Staff (ed.): Joint Pub 3-13, a.a.O., p. II-9.
Grundsätzlich gilt für das Verhältnis von „Information Operations“ und „Public Affairs“, daß “the efforts differ with respect to audience, scope and intent, and must remain separate“; Joint Staff (ed.): Joint Publication 3-61, a.a.O., p. xi.
Mutatis mutandis gilt dies auch für die zivil-militärische Zusammenarbeit, wie in der “Joint Doctrine for Civil-Military Operations” niedergelegt ist; vgl. Joint Staff (ed.): Joint Publication 3-57, a.a.O..

17 Zum Beispiel United States Air Force (ed.): Air Force Doctrine Document 2-5 “Information Operations”, 11 January 2005; im Internet unter: http://www.dtic.mil/doctrine/jel/service_pubs/afdd2_5.pdf [18.06.2006] sowie ders.: Air Force Doctrine Document 2-5.3 “Public Affairs Operations”, 24 June 2005; im Internet unter:
http://www.dtic.mil/doctrine/jel/service_pubs/afdd2_5_3.pdf [08.07.2006].

18 Vgl. Joint Staff (ed.): Joint Publication 3-61, a.a.O., p. I-6.

19 Joint Staff (ed.): Joint Publication 3-61, a.a.O., p. I-7 (Übersetzung durch J. R.).

20 Joint Staff (ed.): Joint Publication 3-61, a.a.O., p. I-7 (Übersetzung durch J. R.).

21 Vgl. Fußnote 15.

22 United States Air Force (ed.): Air Force Doctrine Document 2-5.3, a.a.O., p. ii.

23 United States Air Force (ed.): Air Force Doctrine Document 2-5.3, a.a.O., p. 13.

24 United States Air Force (ed.): Air Force Doctrine Document 2-5 “Information Operations”, Fassung vom 04 January 2002, p.29 (Hervorhebung durch den Verfasser).

25 Vgl. SECDEF WASHINGTON DC//OASD-PA//: SECDEF MSG, DTG 172200Z JAN 03, SUBJ: PUBLIC AFFAIRS GUIDANCE (PAG) FOR MOVEMENT OF FORCES INTO THE CENTCOM AOR FOR POSSIBLE FUTURE OPERATIONS; im Internet unter: http://www.defenselink.mil/news/Feb 2003/d20030228pag.pdf [29.08.2004]. Deutsche Übersetzung durch Führungsakademie der Bundeswehr, Sprachendienst, Auftrags-Nr. 047/03, in: Reeb, Hans-Joachim: Berichterstattung vom Golf. Reflexionen über den Journalismus im Irak-Krieg 2003, Führungsakademie der Bundeswehr, Fachbereich Sozialwissenschaften, Reihe SOW kontrovers, Nr. 1/03, Hamburg, Juni 2003, . 41-52. Vgl. auch Elter, Andreas: a.a.O., S.285ff.

26 Vgl. Reeb, Hans-Joachim: a.a.O., S.12.

27 Vgl. Shepard, Alicia C.: a.a.O., S.21.

28 Vgl. Hartwig, Stefan: Berichterstattung über den Irak-Krieg, in: Truppendienst, 6/2003, S. 517-524 sowie Shepard, Alicia C.: a.a.O. und Elter, Andreas: a.a.O., S.284ff.

29 Vgl. Shepard, Alicia C.: a.a.O., p.10ff sowie Virchow, Fabian/Thomas, Tanja: Militainment, unveröffentlichtes Manuskript, Kiel 2003, S.3.

30 Vgl. Shepard, Alicia C.: a.a.O., S.11f.

31 Vgl. Bussemer, Thymian: Medien als Kriegswaffe. Eine Analyse der amerikanischen Militärpropaganda im Irak-Krieg, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 49-50/2003, S.26.

32Vgl. CENTCOM (ed.): Coalition Forces Land Component Command Ground Rules Agreement; im Internet unter: http://www.rsf.org/article.php3?id_article=5334 [18.06.2006].

33 Vgl. Shepard, Alicia C.: a.a.O., S.5 und S.43.

34 Vgl. Shepard, Alicia C.: a.a.O., S.14.

35 Vgl. Shepard, Alicia C.: a.a.O., S.37.

36 Vgl. Reeb, Hans-Joachim: a.a.O., S. 13 sowie Elter, Andreas: a.a.O., S.309ff.

37 Vgl. Virchow, Fabian/Thomas, Tanja: a.a.O., S.25.

Quelle: NRhZ

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