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Ludwig Watzal: Wer rettet Israel? Ein Staat am Scheideweg

Dass es ein Buch, das im Selbstverlag erschienen ist, in den Bremer Teil der Bild-Zeitung schafft, ist selbst für Deutschland ein Novum. Dem Journalisten Arn Strohmeyer hätte nicht Besseres passieren können. Skandalisierte Bücher verkaufen sich besonders gut, wie man an „Deutschland schafft sich ab“ sehen kann. Da der Autor keinen Verlag gefunden hat, gilt immer noch: „Angst essen Seele auf“. Vielleicht bemannen sich durch diesen inszenierten „Skandal“ einige Verlage und bringen das überaus fundierte Buch auf den Markt. 

 

Dass der Inhalt kritisch ist, liegt in der Natur der Sache. Wie kann jemand affirmativ über einen Staat schreiben, der seit 45 Jahren ein Volk kolonisiert, seine Menschenrechte permanent missachtet und verletzt, das Völkerrecht mit Füßen tritt, die Vereinten Nationen verachtet, das Land der eigentlichen Besitzer raubt, deren Häuser zerstört, ihre Enklaven mit einer acht Meter hohen Mauer umfriedet und die Palästinenser tagtäglichen Schikanen an Kontrollpunkten und nächtlichen Militärrazzien unterwirft? Dass man gegen diese Fakten nur mit den Mitteln der Verleumdung und Diffamierung vorgehen kann, versteht sich von selbst. 

 

Die publizistische Attacke, die ein gewisser Jan-Philipp Hein, „Abiturabbrecher“ und „Journalist“, im Bremer Teil der Bild-Zeitung gegen den Autor und einen Rezensenten, den renommierten Professor emeritus Rudolf Bauer, geritten hat, passt zum „Niveau“ dieses Boulevardblattes. Um auf Bild-Niveau herabzusteigen bedarf es aber noch einer weiteren Eigenschaft, nämlich keinen Charakter zu haben. Hein ist berüchtigt für seinen niveaulosen Kampangenjournalismus, war er doch schon als journalistischer Büchsenspanner dabei, als in einem „Gutachten“ eines gewissen Samuel Salzborn und Sebastian Voigt der Partei die Linke "Antisemitismus" angedichtet worden ist. Dieses wissenschaftlich drapierte Pamphlet führte zu einer Debatte im Deutschen Bundestag, die auf gleichem Niveau angesiedelt war wie das „Gutachten“. 

 

In seinem jüngsten Machwerk wirf Hein den beiden „Israel-Hass“ und „Antisemitismus“ vor. Diese Vokabeln werden von Vertretern der „Israellobby“ so inflationär gebraucht, dass sie nur noch lautes Gelächter hervorrufen, wenn wieder einmal mit diesen Worthülsen um sich geworfen wird. Die wirkliche Stoßrichtung des Heinschen Geschreibsels zielt jedoch auf die Linkspartei. Wie schon bei der ersten Kampagne so will man die Partei durch diese absurden Vorwürfe auf den deutschen Mainstream zwingen, und zwar zu den Verbrechen der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern zu schweigen. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Vertreter der Linkspartei im vorauseilenden Gehorsam eingeknickt und haben die Buchbesprechung von Rudolf Bauer von ihrer Website entfernt.

 

Arn Strohmeyer beschreibt in acht Kapitel die Geschichte Israels. Dabei stützt er sich zu Recht nicht auf das zionistische Narrative, da dieses sich aus zahlreichen Geschichtsmythen zusammensetzt, die wenig mit historischer Wahrheit zu tun haben. Er bedient sich zur Analyse der Geschichte und Politik dieses Staates der harten Fakten, welche die „neuen Historiker“ zutage gefördert haben; sie vermitteln ein wesentlich realistischeres Bild der israelischen Geschichte. Erst kürzlich hat der israelische Historiker Shlomo Sand nicht nur die Erzählung vom „jüdischen Volk“, sondern auch vom „Land Israel“ (Eretz Israel) als Mythos entlarvt. Strohmeyer befindet sich mit seinen Thesen also in bester Gesellschaft. Was dagegen in der veröffentlichten Meinung tagtäglich heruntergebetet wird sind Legenden. 

 

Unter „Wertegemeinschaft mit Israel“? steht Folgendes: „Seine Aggressionskriege, seine Besatzungspolitik und seine Missachtung der internationalen Rechtsnormen haben Israel nicht nur tief in die internationale Isolation geführt, sondern in eine Existenzkrise, die für das Land immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Wohlgemerkt: Israel wird nicht von außen bedroht, was es selbst immer behauptet, da es allen arabischen Staaten militärisch weit überlegen ist und die USA hinter ihm stehen, sondern es bedroht sich selbst durch eine Politik, die von Anfang an keine Zukunft hatte und sich als völlig perspektivlos herausgestellt hat, weil sie auf der Herrschaft über ein anderes Volk beruht.“

 

Einer CIA-Studie zufolge existiert Israel noch 20 Jahre. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger gibt dem Land gar nur zehn Jahre. Nach Gershom Gorenberg schafft sich Israel selber ab. Der US-amerikanische Politologe Norman G. Finkelstein hält Israel sogar für einen „crazy state“. Zahlreiche andere israelische Intellektuelle malen ähnlich düstere Szenarien für das Land an die Wand. So hat der ehemalige Sprecher des israelischen Parlaments, der Knesset, allen Israelis geraten, eine zweite Staatsbürgerschaft anzunehmen. Strohmeyer tut nichts anderes, als auf die verhängnisvolle Politik der israelischen Regierungen hinzuweisen, wofür er sich von einem Schreiberling wie Hein mit diesen herabsetzenden Vokabeln betiteln lassen muss. 

 

Warum arbeitet sich Hein nicht z. B. an Theodor Herzls „Antisemitismus“ ab? "Wir sind ein Volk von Schacherern und Gaunern, weil Mauschel wuchert und Börsenstreiche macht. Mauschel hat immer die Vorwände geliefert, unter denen man uns anfiel. Mauschel ist der Fluch der Juden." Zit., in: Alex Bein, Theodor Herzl, Ullstein Verlag Berlin-Wien 1983, S. 183 f. Oder "Ja, wir sind eine Geißel geworden für die Völker, die uns einst quälten." Zit. In: Tagebücher, Bd. 1, Jüdischer Verlag Berlin 1922, S. 81. Und über den Zionismus schrieb Herzl: "Die Antisemiten werden unsere verlässlichsten Freunde sein, die antisemitischen Länder unsere Verbündete." Tagebücher, S. 93. Und über Antisemitismus: "In Paris gewann ich ein freieres Verhältnis zum Antisemitismus, den ich historisch zu verstehen und zu entschuldigen anfing. Tagebücher, S. 74. Und über Juden schrieb er: "Manchmal machen die Juden den pitoyablen Eindruck jener Abkömmlinge alter Geschlechter, die zu allem eher als zur ehrlichen und händerührigen Arbeit fähig sind." Zit., in: A. Bein, S.31. Herzl weiter: "Für die Juden will ich noch etwas zu tun versuchen – mit den Juden nicht. In der politischen Energielosigkeit zeigt sich der Verfall unserer ehemals starken Rasse am deutlichsten (…) Juden sind nicht fähig zu verstehen, dass einer etwas nicht für Geld tut und auch dem Gelde nicht untertänig ist, ohne ein Revolutionär zu sein." Tagebücher, Bd. 1, S. 23 f. 

 

Im Kapitel „Vermächtnis des Holocaust“ lässt Strohmeier renommierte Persönlichkeiten zu Wort kommen wie Peter Novik, Moshe Zuckermann, Alexander und Margarete Mitscherlich, Harald Welzer, Abraham Burg u. v. a. Über die nicht geleistete „Trauerarbeit“ in Israel schreibt Zuckermann: „Dass das jüdisch-israelische Kollektivgedächtnis keine wirkliche Trauerarbeit geleistet hat, vermochte es das Kollektiv auch nie, des Holocaust als der Katastrophe der Opfer (und zwar der Ermordeten wie der Überlebenden) zu gedenken, geschweige denn, sie zum universellen Symbol einer ‚Trümmer auf Trümmer‘ häufenden katastrophischen Weltgeschichte (Walter Benjamin) zu erheben, ein überjüdisches Paradigma nämlich, welches das Andenken der ermordeten Juden im Stande ihres Opferseins dadurch bewahrt, dass es sie als ein zivilisatorisches, sich jeglicher Unterdrückung des Menschen widersetzendes Signalprinzip begreift. Bleibt indes die Erinnerungsstruktur primär in der ‚Schuldzuweisung‘ verankert, erweist sich in der Tat der ‚Hass‘ als adäquatester Ausdruck solcher Struktur, wobei sich freilich das konstruierte Selbstbild jüdischer Israelis als ‚ewige Opfer‘ dann weniger einem Eingedenken der wirklichen historischen Opfer verpflichtet weiß (und sie dadurch gleichsam ‚rettet‘), als vielmehr das Eingedenken zweckhaft vereinnahmt und ideologisch instrumentalisiert.“ 

 

Nach Strohmeyer sei es gelungen, einen „neuen“ Antisemitismus zu kreieren, und zwar in Form der „Israelkritik“, das heißt, jede Kritik am Zionismus und an der Besatzungspolitik des Staates Israel sei „antisemitisch“. Oder mit Ariel Sharon gesprochen: „Wenn Leute den Zionismus kritisieren, dann meinen sie die Juden. (…) Wie eine bösartige Krankheit hat auch der heutige Antisemitismus eine neue Mutation hervorgebracht, die nicht auf Gewalttaten gegen Juden und das öffentliche Tragen von Hakenkreuzen oder das In-Brandsetzen von Synagogen beschränkt ist. Der neue Antisemitismus tritt jetzt in der Verkleidung von ‚politischer Kritik an Israel‘ auf, der aus einer diskriminierenden Haltung gegenüber dem Staat der Juden besteht, während gleichzeitig sein Existenzrecht bezweifelt wird.“ 

 

Abraham Foxman, der Direktor der Anti-Defamation League, geht von dem Begriff des Zionismus aus. Er argumentiert: „Zionismus lässt sich einfach auf die Unterstützung für die Existenz eines exklusiv jüdischen Staates zurückführen, den Staat Israel. Anti-Zionismus ist so gesehen die Anti-These: die Ablehnung der Idee eines jüdischen Staates, speziell Israels. Die harte, aber unleugbare Wahrheit ist: Was einige Antizionismus nennen, ist in Wirklichkeit Antisemitismus – immer, überall und für alle Zeit.“ Beider Definitionsversuche laufen auf die Diskriminierung jeglicher Kritik an der Regierungspolitik des Staates Israel hinaus und sind somit politisch absurd.

 

Arn Strohmeyers Buch hat weder etwas mit „Israelhass“ noch mit „Antisemitismus“ zu tun. Es ist eine realitätsgetreue Darstellung der Geschichte und der Politik des Staates Israel. Es sollte eine große LeserInnenschaft und einen Verlag finden. 

 

Zu beziehen über: arn.strohmeyer@web.deEingestellt von Ludwig Watzalum 23:07 

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