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Maher Fakhoury: Erinnerungen eines Überlebenden

 
Es ist zum ersten Mal, dass ich über das Massaker schreibe. Ich habe diese schrecklichen Erinnerungen immer unterdrückt. Beirut besuche ich nicht gern, obwohl ich dort meine Kindheit erlebte. Meine Mutter und viele meiner Freunde leben dort. Wenn ich in Beirut bin, muss ich an die schrecklichen Tage im September 1982 denken. An die vielen Opfer, die kaltblütig ermordet wurden, nur weil sie als Palästinenser geboren waren.
Wir alle, die das Massaker überlebt haben, leiden direkt oder indirekt noch immer darunter. Das Massaker beeinflusst auch zwanzig Jahre danach unser Leben. Es ist kein Wunder, dass nach so vielen Jahren ungewollt die Tränen fließen.
Sabra und Schatila – es sind zwanzig Jahre vergangen, mehr als die Hälfte meines Lebens, denn es geschah wenige Wochen nach meinem 19. Geburtstag. Für mich ist es, als ob es gestern passiert wäre. Die Bilder werde ich nie in meinem Leben vergessen können. Die Tage bestimmten mein weiteres Leben.

Am Dienstag, dem 14. September 1982, wurde der neugewählte libanesische Präsident Bashir Al-Gemayel durch eine Explosion ermordet. Für die Palästinenser in Libanon war das eine Katastrophe. Viele und vor allem Scharon, der damalige israelische Verteidigungsminister, wollten die Verantwortung für den Mord den Palästinensern zuschieben. Die internationalen Sicherheitskräfte, die für die Sicherheit der Bewohner des Flüchtlingslagers zuständig waren, hatten bereits paar Tage vorher Beirut verlassen. Wieder standen die Palästinenser ohne Schutz allein.

Am Mittwoch, dem 15. September, herrschte in Sabra und Schatila eine ungewöhnliche Stille. Die Bewohner saßen vor den Radios und hörten ständig die Nachrichten. Der Tag verlief langsam und die Nacht war sehr lang. Bis am nächsten Tag gegen 6 Uhr israelische Flugzeuge diese Stille unterbrachen. Alle Bewohner standen an den Türen oder an den Fenstern und beobachteten die Lage, warteten auf eine Nachricht, egal wie schlecht sie auch sein mochte. Stunden später belagerte die israelische Armee Sabra und Schatila mit Panzern. Niemand durfte das Lager verlassen oder betreten. Die Journalisten waren mit den Nachrichten über die Ermordung Al-Gemayels beschäftigt.
Nach der Vereinbarung der PLO mit dem amerikanischen Gesandten Habib durfte die israelische Armee West-Beirut und vor allem die palästinensischen Flüchtlingslager nicht besetzen. Aber die Israelis hatten, wie immer und für jedes Abkommen, einen Grund, es zu verletzen. Dieses Mal wollte die israelische Armee angeblich für die Sicherheit der Palästinenser in den Flüchtlingslagern sorgen.

Am Donnerstag, dem 16. September, war für viele von uns klar, dass wir etwas unternehmen mussten. Wir – etwa zehn junge Leute – trafen uns in Schatila bei unserem Freund Jamal, um über die Lage zu beraten.
Waffen hatten wir nicht…. Nach den Vereinbarungen zwischen Habib und Arafat hatten alle PLO-Kämpfer Beirut verlassen. Die Mehrheit der Bewohner des Lagers waren Frauen, Kinder und alte Männer.
Wir standen ganz allein – ein paar junge Leute, die auf das Ungewisse warteten. Wir haben uns in drei oder vier Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe sollte so schnell wie möglich Kontakt zu den libanesischen Streitkräften aufnehmen. Eine andere Gruppe sollte Freunde von uns suchen. Eine Gruppe sollte die Außenwelt, vor allem die PLO-Führung, über unsere Lage informieren. Nur Jamal, der Gastgeber, wollte gar nichts unternehmen und sagte uns, dass ihm drei Monate als Ambulanzfahrer direkt an der Front gereicht hätten. Gegen 19 Uhr beendeten wir unsere Beratung.
Zu Hause warteten meine Mutter und meine jüngsten Brüder. Meine Mutter hatte doppelte und dreifache Sorgen gehabt. Wir hatten vor kurzem unseren Vater verloren. Mein älterer Bruder hatte Beirut mit der PLO verlassen. Meine Verletzung heilte noch nicht richtig. Unsere Wohnung war teilweise zerstört. Mein Cousin war kurz zuvor entführt worden, als er versucht hatte, Westbeirut zu verlassen. (Er kam bis heute nicht zurück). Und wir hatten kein Geld. Das heißt, wir konnten das Lager nicht verlassen, auch wenn wir das gewollt hätten. Den anderen Familien des Lagers ging es bestimmt nicht viel besser.
Kurz nachdem ich wieder zu Hause in Sabra war, warfen die israelischen Flugzeuge Leuchtraketen ab. Die Beleuchtung dauerte die ganze Nacht. Ab und zu kamen Leute und erzählten, dass in Schatila ein Massaker stattfände. Keiner war sicher, ob das wahr sei.
An unserem muslimischen "Sonntag" – am Freitag, dem 17. September – erzählten mir meine Freunde am Morgen, dass Jamal in der Nacht ermordet worden war – zwei Stunden, nachdem wir ihn verlassen hatten. Was war geschehen?
Meine Freunde Mahmoud und Jamal waren in einer Wohnung im Lager in Schatila. Als beide von dem Massaker hörten, gingen sie auf die Straße und versuchten den Bewohnern zu helfen. Als eine Frau und ihre Tochter über die Straße gehen wollten, die den südlichen mit dem nördlichem Teil des Lagers verbindet, schoss ein Scharfschütze und verletzte die Tochter. Die Tochter lag blutend auf der Straße und die Mutter schrie nach Hilfe. Für eine Weile herrschte Ruhe. Da robbte Jamal vorsichtig zu dem Mädchen und schleppte es von der Straße. Während er das Mädchen trug, schoss der Scharfschütze und traf ihn. Mahmoud und die Mutter brachten Jamal und das Mädchen in das Krankenhaus. Jamal starb. Das Mädchen konnte gerettet werden.
Wir konnten Jamal am selben Tag begraben. Danach verließen mein Freund Fauaz und ich das Lager. Wir nutzten jede Sekunde. Wenn keine Panzer oder Militärfahrzeuge zu sehen waren, rannten wir. Wenn wir irgendein Fahrzeug sahen, versteckten wir uns. Wir bewegten uns auf Umwegen nur auf Seitenstraßen, vermieden die Hauptstraßen, es sei denn, wir hatten keine andere Wahl. Endlich, nach etwa drei Stunden, waren wir am Ziel. Normalerweise hätten wir nicht mehr als eine halbe Stunde für den Weg gebraucht.
Für uns war klar: die Israelis würden bestimmt die gesamte Stadt besetzen. Alle regulären libanesischen Streitkräfte in West-Beirut hatten ihre Waffen auf die Straße geworfen. Ihre Fahrzeuge standen auf den Straßen herum – mit Waffen, aber ohne Besatzung.
An unserem Ziel, einer Wohnung in Beirut, warteten bereits Freunde auf uns. Es waren Palästinenser und Libanesen, die außerhalb des Lagers wohnten. Wir berichteten ihnen, was wir in den letzten Tagen erlebt hatten. Wir baten sie, die Außenwelt über unsere Lage zu informieren. Lange konnten wir nicht bei ihnen bleiben.
Auf dem Rückweg nach Sabra und Schatila war alles noch ruhiger als vorher. Gegen 17 Uhr erreichten wir Sabra. Am Eingang des Lagers trafen wir Freunde, die uns als verrückt bezeichnet hatten, weil wir das Lager verlassen hatten. Plötzlich sahen wir, wie ganz viele Menschen in unsere Richtung rannten und schrieen: Massaker, Massaker! Haddad und die Israelis bringen alle um! (Haddad war der Chef der von Israel gegründeten südlibanesischen Armee.)
Ich rannte dann in die Gegenrichtung. Ich dachte nur an meine Mutter und meine Brüder. Ich hörte nicht mehr, was die Menschen sagten, ich hatte nur meine Mutter und meine Brüder vor Augen, bis ich sie gefunden hatte. Ich habe sie in die Wohnung meines Freundes Riad gebracht. Die Wohnung war etwa 100 Meter vom Lagereingang entfernt.
Die Nacht haben wir dann auf der Straße verbracht. Wir waren im nördlichen Teil und warteten auf den Tod. Wir beobachten die lange Strasse von Sabra und warteten. Die Nacht war sehr lang und dunkel, als ob sie kein Ende hätte. Aber immer wieder beleuchteten israelische Flugzeuge die Gegend.

Am Sonnabend, dem 18. September, versuchten wir vormittags, in den südlichen Teil des Lagers zu gelangen. Wir kamen bis zum Gaza-Krankenhaus. Unterwegs trafen wir niemanden. Wir sind nicht in das Krankenhaus gegangen. Wir wussten schon vorher, dass Israelis darin gewesen waren. Es konnte sein, dass sie noch dort waren. Wir gingen weiter in das Lager hinein und fanden die ersten Leichen. Es wurden immer mehr und mehr. Plötzlich schrie uns eine Gruppe von bewaffneten Männern an. Es waren Libanesen. Wir brauchten nicht lange zu überlegen – wir rannten so schnell wir konnten zurück.
Gegen 11 Uhr kam ein weißes Auto, ein Europäer stieg aus und erklärte uns, dass er Diplomat sei. Wir haben ihm berichtet, was wir alles gesehen und gehört hatten. Wir baten ihn, mit uns zu kommen, gingen mit ihm ins Lager und zeigten ihm einiges von dem, was wir vorher gesehen hatten. Das reichte ihm, um das Lager zu verlassen.
Ein paar Stunden später kamen viele Journalisten. Langsam konnten wir wieder zu Bewusstsein kommen.
Wir alle gingen mit den Journalisten hinunter ins Lager und zeigten ihnen alles, was wir finden konnten. Wir zeigten ihnen die Leichen, die von den Mördern zu Bomben gemacht worden waren, indem man unter ihnen Sprengladungen angebracht hatte. Leichen über Leichen waren zu sehen – links, rechts, überall. Manche Opfer waren mit einem Axthieb auf den Kopf umgebracht worden. Den Opfern waren Beine, Hände und andere Körperteile abgeschnitten worden. Viele Menschen waren unter Trümmern oder in Massengräbern lebendig begraben worden. Die Mörder hatten Frauen, bevor sie sie erschossen, mehrere Male vergewaltigt. (Souad, die Scharon in Belgien angeklagt hat, hat davon berichtet).
Die Bewohner von Sabra und Schatila suchten nach Verwandten und Bekannten. Der Leichengeruch machte das Atmen schwer.
Eine Frau suchte ihren Sohn, der nie wieder zurückkam. Eine andere suchte ihre schwangere Schwester, aber die war schon ermordet worden. Eine andere, die ihre ganze Familie verloren hatte, begann zu singen.

Diese Bilder bestimmen meine Gedanken und stellen viele Fragen.
Warum wurden diese Menschen umgebracht, obwohl sie unbewaffnet waren? Sie glaubten an die Garantieversprechen der internationalen Gemeinschaft gegenüber Arafat, nach dem Abzug der PLO-Kämpfer die Sicherheit der Bewohner der palästinensischen Flüchtlingslager in Beirut zu gewährleisten.
Warum nur sollen wir, die Palästinenser, diejenigen sein, die immer leiden müssen – und die gesamte Welt schaut zu und schreit erst nach jedem Massaker auf?
Auf diese Fragen haben auch die älteren keine Antwort gefunden. Die älteren Bewohner des Lagers hatten bereits mehrere andere Massaker erlebt – vor und nach der Gründung des Staates Israel -, wie Deir Yassin oder Kafr Kassem. 1948 waren sie als Flüchtlinge nach Sabra und Schatila gekommen.
Auf diese Fragen haben auch die Bewohner des Flüchtlingslagers in Jenin bis heute keine Antwort gefunden.
Die Mörder von Sabra und Schatila sind immer noch frei, der Hauptverantwortliche für die Morde lässt immer noch morden, und die Palästinenser warten seit 20 Jahren immer noch auf ein gerechtes Urteil gegen die Täter von Sabra und Schatila.

 

Dipl.-Ing. Maher Fakhoury, Jahrgang 1963, lebt in Deutschland
 

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