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Petra Wild: Offener Brief an Herrn Westphal, Urania Berlin

Offener Brief an Herrn Westphal, Urania. Stellungnahme von Petra Wild zum Vorwurf, die Inhalte ihres Buches „Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Palästina in Wort und Tat“ verstießen gegen die Völkerverständigung.


Sehr geehrter Herr Westphal,

Sie haben in Ihrer außerordentlichen Kündigung der Veranstaltungsräume für das Symposium „Palästina – Frieden auf der Basis von Gerechtigkeit“ am 16.August 2013 explizit Bezug auf mich als Referentin genommen. Da ich persönlich betroffen bin, hat Herr Kilic freundlicherweise Ihre Kündigung an mich weitergeleitet. Sie schreiben in Punkt 2: „Des Weiteren müssen wir davon ausgehen, dass Äußerungen der Rednerin Petra Wild, die zum Thema: Der zionistische Siedlerkolonialismus in Palästina: Apartheid und ethnische Säuberung sprechen soll, als gegen die Völkerverständigung gerichtet anzusehen sind. Frau Wild vertritt z.B. in dem Muslim-Marktinterview vom 30.April 2013 die These, dass Frieden zwischen Palästinensern und Israel nur nach dem Ende Israels als jüdischem Staat möglich wäre. Zudem wirft sie dem Staat Israel einen schleichenden Genozid an den Palästinensern vor und geht von einer ethnischen Säuberung und einer systematischen Zerstörung der Lebensgrundlagen der Palästinenser aus. Zudem schreibt sie dem Staat Israel einen ethnokratischen Charakter zu, also eine Herrschaft einer Ethnie über eine andere, die im Gegensatz zur Demokratie stehe.“

Ich möchte hiermit wie folgt Stellung nehmen:

Ich bin Islamwissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten Palästina-Frage sowie Revolution und Konterrevolution in der arabischen Welt. Im März diesen Jahres habe ich nach zweijähriger Forschungsarbeit eine Monographie mit dem Titel „Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialimus in Wort und Tat“ vorgelegt. Darin habe ich eine Vielzahl öffentlich zugänglicher Quelle (siehe das 10seitige Literaturverzeichnis) systematisch ausgewertet, vor allem Studien, Analysen und Berichte von UN-Organisationen wie dem Komitee für die Eliminierung aller Formen des Rassismus und der rassistischen Diskriminierung (CERD) und der UN-Organisation für humanitäre Angelegenheiten in den 1967 besetzten Gebieten (OCHA) sowie israelischer, palästinensischer und internationaler Menschen- und Bürgerrechtsorganisationen wie B'Tselem, Adalah, Human Rights Watch und Amnesty International. Hinzu kommt die Auswertung der Studien von Think Tanks wie dem renommierten britischen Royal Institute for International Affairs (Chatham House) und israelischer, arabischer und internationaler Medien wie Haaretz, Aljazeera und The Guardian. Ganz wesentlich für die in dem Buch formulierten Erkenntnisse waren auch die Werke kritischer israelischer Wissenschaftler wie Oren Yiftachel, Ilan Pappe und Moshe Machover sowie internationaler Kolonialismus- und Genozidforscher wie Patrick Wolfe, Martin Shaw und John Docker. In den bisher erschienenen ausnahmslos positiven Rezensionen meines Buches wurde u.a. hervorgehoben, dass die von mir dargestellten Sachverhalte fundiert und nachprüfbar belegt sind.

Von daher geht es an der Sache vorbei, wenn Sie die Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung wie sie in dem Buch „Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina“ dargelegt werden als bloße subjektive Meinung darstellen, die sanktioniert werden muß. Ich werfe Israel gar nichts vor, wie Sie mir unterstellen und ich stelle auch keine Behauptungen auf – ich mache eine Analyse. Theodor W. Adorno sagt sinngemäß, dass jedes geistige Gebilde von einiger Dignität die Eigenschaft hat, dass der untersuchte Gegenstand und nicht die Intention des Autors bestimmt, wohin die Reise geht. Das Buch mußte also, wollte es dem untersuchten Gegenstand gerecht werden, so geschrieben werden wie es geschrieben wurde. Alles was Sie mir als subjektive Meinung vorwerfen, ist als objektive Realität vielfach belegt. Die systematische Vertreibung der einheimischen palästinensischen Bevölkerung aus Jerusalem z.B. wird vom UN-Sonderbeauftragten für Menschenrechte in den 1967 besetzten Gebiete, Richard Falk, als „ethnische Säuberung“ und im Goldstone-Report als „stiller Transfer“ bezeichnet. Die Analyse Israels als Ethnokratie basiert im wesentlich auf den Studien des kritischen israelischen Geographen Oren Yiftachel. Andere Untersuchungen kommen zu noch schärferen Ergebnissen. Das UNO-Komitee zur Eliminierung aller Formen des Rassismus und der rassistischen Diskriminierung (CERD) kam nach einer Untersuchung der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern innerhalb der Grünen Linie (also im Kernstaat Israel) im Jahre 2007 zu dem Ergebnis, dass diese teilweise den Kriterien der rassistischen Segregation oder Apartheid entspreche.

Unzutreffend ist, wenn Sie sagen, ich würfe Israel einen „schleichenden Genozid“ an den Palästinensern vor. Zutreffend ist, dass ich den israelischen Historiker Ilan Pappe zitiere, der die zionistische Politik gegenüber dem Gaza-Streifen 2006 auf diesen Begriff brachte.

Im letzten Kapitel meines Buches stelle ich die Diskussion über eine Ein-Staat-Lösung vor, die seit einigen Jahren unter palästinensischen und antizionistischen israelischen Individuen und Gruppen geführt wird. Hier geht es explizit um das friedliche und gleichberechtigte Zusammenleben aller auf dem Boden des historischen Palästinas lebenden Menschen – seien es Christen, Juden oder Muslime – in einem säkularen, demokratischen Staat aller seiner Bürger/innen – und das entspricht ja gerade ihrem Satzungsziel „der Verständigung unter den Völkern“ und der Förderung der „Toleranz auf allen Gebieten der Kultur.“

Indem Sie mich als kritische Wissenschaftlerin und alle, die sich mit mir einlassen, sanktionieren, greifen sie das Fundament der Wissenschaft selbst an. Denn jede Wissenschaft, die mehr sein will als „instrumentelle Vernunft“ im Dienste von Herrschaft ist notwendigerweise kritisch. Wer Denkverbote erteilt und Bekenntniszwang an die Stelle von kritischer Erkenntnis setzt, zerstört überdies die Grundlagen der Demokratie.

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