You Are Here: Home » The Media » Thomas Wagner: Krieg um jeden Preis

Thomas Wagner: Krieg um jeden Preis

 

 

Eine medienwissenschaftliche Studie zeigt, wie der deutsche »Qualitätsjournalismus« friedenspolitisch auf der ganzen Linie versagt

Von Thomas Wagner, Junge Welt

US-Vizepräsident Joe Biden spricht am 2.2.2013 auf der M&uu
US-Vizepräsident Joe Biden spricht am 2.2.2013 auf der Münchner Sicherheitskonferenz

Wie es klingt, wenn jemand auf Biegen und Brechen einen Krieg herbei schreiben will, konnten die Leser der Süddeutschen Zeitung am vergangenen Montag in einem Kommentar von Stefan Kornelius lesen. »Der Giftgaseinsatz in den Vororten von Damaskus«, hieß es in dem »Rote Linien« genannten Propagandastück des Ressortleiters Außenpolitik auf Seite vier der renommierten Münchner Tageszeitung, lasse »die fürchterlichen Greuel in Syrien in neuem Licht erscheinen. Die bisherige Logik – aushalten, raushalten – muß einer neuen Bewertung weichen.« Griffe Obama nicht ein, verlöre er zum einen seine Glaubwürdigkeit. Zum anderen wäre das Giftgas nur die erste Stufe einer brutalen Eskalation des syrischen Krieges mit Nachahmungspotenzial überall auf der Welt. »Der Weg vom Gas zur Atombombe ist kurz«, behauptet Kornelius.

Daß ein Gaseinsatz durch die syrische Armee denkbar unwahrscheinlich ist, jedenfalls von der Regierung Assad nicht gewollt gewesen sein kann, ficht den Sesselstrategen nicht an. Statt dessen fordert er ohne weitere Begründung die Umkehrung der Beweispflicht: Wenn Assad behaupte, seine Armee habe die Granaten nicht verschossen, sei er es, der den Beweis dafür erbringen müsse. Doch selbst wenn es dem syrischen Staatspräsidenten gelänge, diesen Nachweis zu erbringen, will Kornelius die mörderische Militärmaschinerie der USA in Gang gesetzt sehen. Wörtlich schrieb er zum Einsatz des Gases: »Ist nun entscheidend, wer es eingesetzt hat? Nicht wirklich.« Es mache »kaum einen Unterschied, wer die Granaten verschossen hat«. Der Einsatz müsse erfolgen, »ob gegen Oppositionsgruppen oder gegen das Assad-Lager«. Der Kommentar ist suggestiv, unlogisch, maßstabslos und in den Konsequenzen menschenverachtend. Leider sticht er aber nur durch seine Plumpheit aus der in den Redaktionsstuben sogenannter Qualitätszeitungen seit Jahren gepflegten Kriegsrhetorik hervor.

Bellizistisches Netzwerk

Obwohl sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht für internationale Kriegseinsätze begeistert und sich verläßlich gegen die Beteiligung der Bundeswehr an solchen ausspricht, halten die Leitartikler und Kommentatoren der großen meinungsbildenden Medien seit Jahren dagegen. Was ist der Grund dafür? Schnell ist der Allgemeinplatz bei der Hand, wonach die herrschende Meinung stets die Meinung der Herrschenden sei. So richtig der Satz sein mag: Er ist zu allgemein. Wer begreifen will, auf welche Weise die Kriegsideologie in Presse, Funk und Fernsehen Eingang findet, ist gut damit beraten, sich die Arbeitsweise der betreffenden Journalisten genau anzusehen. Der Verfasser einer Studie, die am Institut für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ) in Leipzig entstanden ist, hat dies getan. Besonders erfreulich ist dabei zweierlei: Erstens ist die unter dem Titel »Meinungsmacht. Der Einfluß von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse« als Buch veröffentlichte Doktorarbeit von Uwe Krüger trotz komplizierter methodischer Probleme anschaulich geschrieben. Zweitens erhöht sich der Nutzwert des Buchs dadurch, daß sein Autor den Lesern Namen und Adressen nennt.

Das wichtigste Ergebnis der Arbeit sei ganz zu Anfang mitgeteilt. Der im Lichte eines pluralistisch-demokratischen Medienverständnisses hochgradig erklärungsbedürftige Sachverhalt, daß gerade die einflußreichsten Printmedien eine bellizistische Schlagseite zeigen, wenn es um die Kriegseinsätze der Bundeswehr geht, hat mit einer besonderen Nähe der mit außen- und sicherheitspolitischen Fragen befaßten Redakteure zu Organisationen zu tun, die den USA, der NATO oder der Bundesregierung nahestehen.

Im Zuge einer sogenannten Netzwerk­analyse hat Krüger herausbekommen, daß es hierzulande 82 solcher Organisationen gibt, in denen Eliten aus Politik und Wirtschaft mit führenden deutschen Journalisten zusammentreffen. Insgesamt 64 Journalisten tummelten sich in den vergangenen Jahren dort, nicht zu Recherchezwecken, sondern entweder als Teilnehmer oder Mitglieder. Besonders deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang bei den vier Journalisten Klaus-Dieter Frankenberger, dem verantwortlichen Redakteur für Außenpolitik bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Josef Joffe, dem ehemaligen Chefredakteur und heutigen Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, Michael Stürmer, dem Chefkorrespondenten der dem Springerkonzern zugehörigen Tageszeitung Die Welt sowie bei dem eingangs bereits zitierten Stefan Kornelius von der Süddeutschen Zeitung. Alle vier sind in Organisationen eingebunden, die ihre Aufgabe in der Festigung der transatlantischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland bzw. Europa sehen und das gemeinsame Militärbündnis NATO als unverzichtbares Element dieser Beziehungen. Alle vier haben im Untersuchungszeitraum zwischen dem 4. Dezember 2002 und dem 30. September 2010 an der Münchner Sicherheitskonferenz teilgenommen, die, so Krüger, ebenfalls historisch aus der NATO heraus erwachsen ist.1

Frankenberger und Joffe waren seinen Recherchen nach Mitglieder der von dem US-Banker David Rockefeller gegründeten Trilateralen Kommission, einer Organisation, die Eliten aus Nordamerika, Westeuropa und dem asiatisch-pazifischen Raum vernetzt. Eine oder mehrere der »Edelfedern« waren jeweils involviert in Think Tanks und Netzwerken wie der Atlantik-Brücke, dem American Institute for Contemporary German Studies, dem American Council on Germany, der Atlantischen Initiative, der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, der im geheimen tagenden Bilderberg-Konferenz, der American Academy in Berlin und dem Aspen Institute. Kornelius, Joffe und Stürmer hatten zu tun mit der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Frankenberger und Kornelius sowie Peter Frey (ZDF) arbeiteten als Beiräte für die Bundesakademie für Sicherheitspolitik, einen Think Tank im Geschäftsbereich des Bundesverteidigungsministeriums. »Der Beirat berät laut Akademie-Satzung das Kuratorium, das wiederum aus der Bundeskanzlerin sowie den Bundesministern der Verteidigung, des Inneren, des Auswärtigen, der Finanzen, der Justiz, für Wirtschaft und für Entwicklung besteht. Die drei Journalisten verpflichteten sich somit, jene Bundesregierung zu beraten, die sie doch eigentlich als Anwälte der Öffentlichkeit kritisieren und kontrollieren sollen.«

Weiter lesen HIER

Siehe auch hier: Telepolis-Interview mit dem Autor

 

 

Legal | Contact | © 2012 othersite.org

Scroll to top